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Globalisierung auf dem Plattenteller? Import/Export und die Recycling-Soundfabrik

In den 80ern kam der Begriff Weltmusik („World Music“) auf, der alle Genres, die sich außerhalb Europas abspielten oder westlichen Pop mit lokalen Exoten-Stilen kombinierten, unter dieser unscharfen Etikettierung subsumierte. Abgesehen davon, dass die geografische Verortung von einer eurozentrischen Perspektive zeugt und selbst der Euroraum der 80er sich längst erweitert hat, verdienen die musikalischen Inland-Auslandssoundsymbiosen schlicht aufgrund ihrer musikalischen Impulskraft – zum Beispiel auf die Berliner Musiklandschaft – einen mikroskopischeren Blick – und konkrete Benennung.

Balkan-Pop

Die moderne Interpretation osteuropäischer Folklore, die mit dem überzeichneten, wilden Kosmos der Zigeunerfilme von Emir Kusturica verbrüdert ist, hat sich längst als Teil der alternativen Berliner Musiklandschaft etabliert: Mit der regelmäßigen Balkanbeats-Nacht im Berliner Mudd Café hat der bosnische DJ Robert Soko eine Institution des Gypsy Groove geschaffen. Soko, den es 1989 von Zenica nach Berlin zog, legte hier vor knapp zwei Jahrzehnten die ersten Beats aus der Heimat für seine Landsleute auf – als Zutaten für Partys, die die Exilanten als halbironische Reminiszenz an sozialistischen Feiertagen aus der Tito-Ära des untergegangenen Jugoslawiens zelebrierten.

Plattenteller (Foto: Ovit)

Jüngst erschien im Mai die dritte Compilation der „Balkanbeats“ die als Aushängeschild der Symbiose aus exjugoslawischer, rumänischer, bulgarischer und ungarischer Volksmusik, Rock und Punk gilt und welche Robert Soko als „Culture Recycling“ betitelt. Etwas polierter und teils elektronischer serviert DJ und Produzent Stefan Hantel alias Shantel, der wohl prominenteste Wegbereiter des Balkanpops, seit 2002 mit seiner Partyreihe „Bucovina Club“ und gleichnamigen Veröffentlichungen einem massiven internationalen Publikum importierte Stücke und Eigenkompositionen. Und im letzten Jahr gesellte sich mit Miss Platnum – 1981 in Rumänien geboren, aufgewachsen in Berlin-Lichterfelde – eine sehr burlesque Frontfrau zur Balkanwelle hinzu, die teils auf Englisch, teils auf Rumänisch, mit ihrem R’n’Balkan zwar amerikanisierte Popstandards zitiert, diese jedoch gleichzeitig mit opulenter Ironie aus Goldkettchen und Kittelschürzenästhetik, grobem Akzent und in Songs wie „Marry me“ besungener Stereotypenüberfrachtung konterkariert.

Electro-Tango

Auch Electro-Tango ist längst in der Hauptstadt angekommen. Im Februar spielte das multikulturelle Gotan Projekt aus Paris, im April stellte Bajofondo das neue Album „Mar Dulce“ bei einem Konzert im Admiralspalast vor. Funk und House-Beats hatten Ende der 90er den Tango Argentino, den stolzen Tanz der Städte rund um den Rio de la Plata, für den Club-Kontext aufbereitet; in der Retrospektive datiert man die Entstehung des Electro-Tangos auf das Erscheinungsjahr des Debüts „La Revancha del Tango“ (2001) vom Gotan Projekt, das ein internationales Echo auslöste.

Auch dem hochkarätig besetzten Bajofondo Tango-Projekt um den Produzenten und Komponisten Gustavo Santaolalla aus Buenos Aires gebührt ein Platz in der Electro-Tango-Elite. Beflügelt von der Hoffnung auf schnelles Geld, folgten vor allem in Argentinien massenhafte Pressungen zu Lasten der Qualität, die zur kommerziellen Verwässerung des Genres führte. Gustavo Rudy vom Label Ultrapop erklärte Electro-Tango in einem Interview mit Radio multikulti zum „Produkt for export“: „Keiner hier in Buenos Aires hört diese Musik, es sei denn, man ist im Tourismusbereich oder im Music Business tätig“. Aktuell ist angesichts der letzten Alben der etablierten Electro-Tango-Protagonisten eine Rückbesinnung auf den klassischen Tango festzustellen: Mit Lunático legte Gotan Projekt 2006 Tracks vor, die sich verstärkt am traditionellen Tango- und Folklore Argentiniens orientieren – was als Clubsound nur bedingt funktionierte.

Und Bajofondo, ehemals Bajofondo Tango Club, gehen noch einen Schritt weiter, indem sie sich der Bezeichnung „Tango Club“ entledigt haben und sich ebenso einem vielfältigeren Spektrum der Klänge vom Rio de la Plata widmen: einer bunten Mixtur aus elektronischen Soundstrukturen, Rock-, Hip-Hop-Elementen und verstärktem traditionellem Einschlag aus Argentinien und Uruguay inklusive Gitarrenspiel.

Globale „Dope Beats“: Baile Funk, Kuduru & Grime

Minimale Mittel, Maximum-Attitüde: scheppernde Elektro-Beats, darüber portugiesischer HipHop-Sprechgesang mit teils obszönen Texten dröhnen bei Baile Funk Partys aus den Favelas von Rio de Janeiro. Andernorts formieren sich amerikanische HipHop-House-Fusionen mit 80er-Appeal wie Baltimore Club, in afrikanisch-karibische Percussion eingebetteter Explosiv-Minimal-Techno bei 140 bpm (Kuduru aus Angola) oder Grime aus Londons East End. Bei Kwaito fusioniert dann in den südafrikanischen Townships Slowmotion-House mit afrikanischem Lokal-Rap.

crowdshot

Mit Partys wie „Ghettoblaster“ oder „Revolution No. 5“ ziehen Regio-Sounds durch Berliner Clubs, die mindestens zwei Gemeinsamkeiten haben: wie Blues oder HipHop sind sie in urbanen Randzonen wie Migrantenvierteln, Ghettos, Favelas entstanden – dort, wo experimentieller Freiraum noch nicht von Ordnungsmacht und Finanzkapital geglättet wurde. Und sie seien durch die Dope-Komponente verbunden, sagt „Ghettoblaster“-Veranstalter und DJ Daniel Haaksmann: „Das ist ein Beat, der in allen Clubs die Hände in die Luft schießen lässt“.

Humboldsche Expeditionen

Die Entdeckung des Baile Funk für europäische Plattenteller ist exemplarisch: Ein Freund von Daniel Haaksmann studierte in Rio und brachte im Herbst 2003 einen Stapel Platten mit. Erwartet hatte der DJ von Bossa Nova beeinflusste Musik, aber: „Das klang nach Miami Bass, radikalem Partysound, früherer Rave-Musik statt nach einer elektronischen Variante von Bossa Nova“. Haaksmann war angefixt, begeistert, spielte den „brettharten Sound“ aus Rio bei seinen DJ-Sets. Mehr davon? Der moderne Musikliebhaber würde weiterführende Information ergoogeln, Tracks von Mister Catra oder Sobrinho aus dem Netz ziehen oder sich durch Party-Videos aus dem Inneren brasilianischer Favelas klicken. Damals wurde das Internet eben erst für die Nutzung durch die allgemeine Bevölkerung freigegeben – vor den ersten PC-Modellen eine überschaubare Gemeinschaft aus Nerds und Visionären. So war es „komplett unmöglich an diese CD in Europa heranzukommen“.

Anfang 2004 folgte Daniel Haaksmann dann erstmals dem Funk nach Rio, um die ratternden Bässe und den rotzigen Gesang nach Deutschland zu holen. Ein schwieriges Unterfangen, Zugang zu den Favela-Strukturen zu bekommen, die durch in Funk-Texten besungene Themen wie Armut, Drogen, Sex und Gewalt geprägt sind; mit einer Musikbranche, in der „geklaut und gebootlegt wird und manche MCs ihre Tracks an drei Labels verkaufen, die nichts voneinander wissen.“ Dennoch, die Mission war erfolgreich: Haaksmanns Selektion „Rio Baile Funk: Favela Booty Beats” aus demselben Jahr wurde „die erste europäische Compilation, die Baile-Funk einem nicht-brasilianischem Publikum vorstellte“ und bis jetzt über 25.000 Mal verkauft.

Externe Interpretation

Für Haaksmann, dem sein Label Man Recordings seit 2005 als Plattform für den Rio-Sound dient, ist die kontextabhängige Aufbereitung Voraussetzung für die Integration von Baile Funk in die europäische Clubszene: „Es ist wichtig, dass es kulturelle Übersetzer gibt“, die die Musik „für ein größeres Publikum konsumabel machen“. Eine 1:1 Übertragung nach Berlin sei schwierig: zu komplexe Rhymes, permanente Ansagen auf Portugiesisch, die brasilianische Auswahl von Tracks funktioniert hier nur bedingt. Klassisch: bei der Übertragung oder dem Recycling von Musik über Genre-, Szene-, oder Ländergrenzen hinweg wird das Ursprungsmaterial kulturell entwertet und mit neuer Bedeutung belegt: die soziale Funktion des Funk als Sprachrohr des Favelalebens wird hier kaum beachtet respektive verstanden.

Für ein Baile Funk Event in Berlin heißt Interpretation unter anderem, dass der authentische, „sehr spezielle Funk“ oft eher minimiert auftritt: in einen „eklektischen Mix“ aus Electrofunk aus den frühen 80ern, Oldschool House und Techno eingebunden. In Berlin herrsche eben immer noch ein „Electro-Techno-Diktat“, bedauert Haaksmann: „Es gibt wenige Inseln abseits elektronischer Musik“. Die Nischenbewegung experimentieller Klänge, die sich im Spannungsbereich von „HipHop, Grime, Electrofunk, groovigem, HipHopbasiertem Sound“ bewegt, lässt sich weniger an Orten als an Personen festmachen: für Berlin neben Haaksmann zum Beispiel die Sick Girls (Revolution No. 5), ATM, Modeselektor, Diplo. Eine eher kleinere Szene, die aber „mehr und mehr international wahrgenommen wird“, so Haaksmann.

Globales Recycling

Die alternativen Sounds kommen aus urbanen Randzonen und werden hier gehyped. Das klingt ein wenig kolonialistisch, als ob sich die Europäer nun nach Land und Öl am musikalischen Vorrat anderer Länder bedienten und von der Verwertung der originären Sounds profitieren. Aber: selbst die neuen Stile verdanken ihre Entwicklung einem alten Prinzip, einer kreativen Form der Kleptokratie. Die DJs aus Rio oder Angola mischten Miami Bass, Oldschoold-HipHop respektive Techno mit lokaler Musik, die Funkeiros sind in ihrem Pimp-Style von Snoop Dogg, Dr. Dre, Black Eyed Peas oder 2Pac inspiriert.

Die internationale DJ-Riege, ob Zentrum oder Peripherie, betreibt globales Soundrecycling, das Web wird zur Schnittstelle in der Musikwelt: „Wir leben im digitalen Zeitalter, unsere Informationsquelle ist das Internet. Blogs, Magazine, internationale Netzwerke. Freunde spielen eine große Rolle“, so Johanna Grabsch von den Sick Girls. Im Hinblick auf den Digital Divide – Varianzen hinsichtlich Zugang und Nutzungsmöglichkeiten zwischen Industrieländern und Gebieten der „Dritten Welt“ – muss man mit Global Village-Diagnosen zwar vorsichtig sein, dennoch existieren selbst in den Favelas von Rio mittlerweile über 120 „Telecentros“, kostenlose WLAN-Zentren. Analog der Momentaufnahme der Sick Girls scheinen die Grenzen zumindest sehr durchlässig zu sein: „Edu K aus Brasilien macht jetzt Tracks wie Sinden aus England und der Berliner Shirkhan sampelt die Ghettobeats aus Baltimore während Scottie B von dort deutschem Minimal lauscht. Willkommen in der neuen Welt(musik)“.

Oberes Foto: Ovit

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