Fernlokal

Online-Magazin für kulturelle Korrespondenzen und Kontraste

Die Unsichtbarkeit argentinischer Kunst – Interview mit Susanne Franz

Susanne Franz lebt seit 1993 in Buenos Aires und arbeitet als stellvertretende Chefredakteurin und Kunstkritikerin für das Argentinische Tageblatt, die deutschsprachige Wochenzeitung in Buenos Aires. Mehr Raum für Kunst und Kultur hat die Kölnerin sich im Netz erobert und veröffentlicht seit 2004 einen wöchentlichen Ausstellungskalender, Porträts, Berichte und Kritiken in ihrem zweisprachigen Blog Kunst in Argentinien.

Wie sind Sie zum Bloggen gekommen?

Ich bin Kunstkritikerin für das Argentinische Tageblatt und habe früher sehr viel geschrieben, Ausstellungen besucht und kenne mich ganz gut aus im Kunstbetrieb. Als wir noch im Großformat erschienen sind, habe ich noch zwei, drei Kritiken pro Woche veröffentlicht. Aber nach der Umstellung haben sie einfach keinen Platz mehr gehabt, es gibt jetzt nur noch eine Kulturseite.

Ich habe das Blog dann gegründet, um Sachen zu veröffentlichen, die ich im Tageblatt nicht veröffentlichen kann. Aber in letzter Zeit habe ich sehr wenig geschrieben, da ich beim Tageblatt sehr viele redaktionelle Aufgaben übernommen habe, ich gehe zur Zeit auch selten auf Ausstellungen.

susanne_franz

Was passiert dann aktuell auf Ihrem Blog?

Ich versuche das Blog mindestens ein- oder zweimal wöchentlich zu aktualisieren, am Wochenende , meistens fünf, sechs Stunden. Ich stelle mindestens einen zweisprachigen Ausstellungskalender zusammen, das ist mehr ein Service für Leute, die auch tatsächlich hier sind. Und dann ein bis zwei Artikel pro Woche, teilweise veröffentliche ich auch Beiträge von anderen Redakteuren, die im Argentinischen Tageblatt erschienen sind. Aber es könnte halt noch viel mehr passieren.

Was macht Ihr Blog interessant?

Es ist nicht so viel über argentinische Künstler auf deutsch vorhanden. Aber wenn es irgendwo verfügbar ist und jemand etwas im Internet etwas sucht, dann stößt er darauf – und das Interesse ist sehr groß. Ich sehe in meinen Google-Statistiken, dass viele Leute aus Europa in meinem Blog wühlen und auch viele aus den Vereinigten Staaten.

Wer informiert sich über „Kunst in Argentinien“?

Hauptsächlich Argentinier, vor allem hier aus dem Ballungsraum Buenos Aires, aber auch in Rosario und Cordoba, wo die Kunstzentren sind. Dann auch relativ viele aus Lateinamerika, aber auch aus Deutschland, Österreich, Schweiz.

Ich bin im letzten Jahr auf 60.000 Besuche pro Monat gekommen, das ist aber etwas unrealistisch. Ich hatte in den Kommentaren immer sehr viel Spam, und habe das gelöscht. Und letztes Jahr im Dezember habe ich dann eine richtige Attacke erlitten, da kamen über 1.000 auf einmal rein und seitdem habe ich die Kommentare abgeschafft. Nun habe ich tatsächlich weniger Besucher, noch 30.000 bis 40.000 im Monat. Das hat sich in den fünf Jahren nach und nach aufgebaut.

Ihre Beiträge werden sowohl in spanischer als auch in deutscher Sprache angeboten…

Da die meisten Leser meines Blogs Argentinier sind oder spanisch sprechen, muss eben auch alles auf spanisch veröffentlicht werden. Und da ich gerade keine Zeit habe, die Artikel, die im Tageblatt erschienen sind, auf Spanisch zu übersetzen, und niemanden, der meine spanischen Texte lektoriert, sind es jetzt gerade weniger spanische Artikel. Ich schreibe zwar ganz gut auf spanisch, aber ich mache kleine Fehler, wie bestimmte Ausdrücke, die nicht übertragbar sind, und ich bin da zu sehr Perfektionist, um das dann zu veröffentlichen.

Grundsätzlich habe ich auch den Anspruch, aus dem Blog noch mehr zu machen. Ich schreibe seit 13 Jahren Kunstkritiken, habe also noch sehr viel auf Lager und möchte nach und nach auch alle Sammlungen digital veröffentlichen. Aber es dauert, bis das alles eingescannt ist.

Bekommen Sie Feedback von Ihren Lesern?

Früher mehr, das hat sich dann meistens auf Ausstellungen bezogen, über die ich geschrieben habe. Aber viele wollen auch wissen „Ach ja, der Nachname, mein Onkel heißt auch so – sind wir verwandt?“ Jetzt bekomme ich vielleicht noch eine Mail im Monat.

Aber ich bin selber auch faul. Ich habe mich am Anfang darüber geärgert, dass nie etwas zurückkommt, aber dann bin ich in mich gegangen und habe gemerkt, dass ich auch nie Artikel kommentiere. Es ist wie beim Argentinischen Tageblatt auch – die Leser melden sich nur, wenn sie etwas ärgert. Oder erst kommt ein Lob und dann die Kritik. Ich bekomme auch noch relativ viele Infos von Galerien.

Und was passiert zur Zeit in der argentinischen Kunstszene?

Die argentinische Kunstszene ist sehr groß – also zu groß, es gibt zu viele Künstler hier, vor allem viele, die sich als solche bezeichnen. Was wichtig ist, ist, dass einige jetzt auch international bekannt werden ist, da es fast keinen argentinischen Künstler gibt, der international bekannt ist. Das liegt auch daran, dass viele jetzt auch im Ausland leben, wie Charly Nijensohn, ein Videokünstler, der in Berlin lebt.

Im MALBA, dem wichtigsten Museum in Buenos Aires, wird diese Woche eine Ausstellung eröffnet, „Escuelismo“ und es geht um die Kunst der 80er und 90er Jahre. Da wird ein bisschen zusammengefasst und reflektiert, was so in den letzten zwanzig Jahren passiert ist. Und da passiert eigentlich relativ wenig. Es gibt viele, die produzieren – oft auch sehr gute Sachen – und sie stellen aus oder nicht, und das überschlägt sich, aber es existiert sehr wenige begleitende Theorie. Es geht ja auch um die Frage, wo Kunst sichtbar wird.

Wo wird die Kunst denn in Buenos Aires sichtbar?

Es gibt viele Galerien, die sehr angestaubte Kunst verkaufen und viele Künstler zahlen auch dafür. Sie malen, weil sie Geld haben, und zahlen für ihre Ausstellungen. Als Künstler muss man sehr viel Erfolg oder eben Geld haben. Es haben aber auch einige neue Galerien eröffnet, Appetite heißt eine, ziemlich schräg und wild, die auch international erfolgreich ist. Sie zeigen auch ziemlich provokative Sachen. Das ist dann manchmal aber schon zu aufgesetzt.

Kann man von Kunst in Argentinien leben?

Nein, mit Kunst alleine kann man hier nicht überleben. Die Künstlerin Ana Eckell nimmt zum Beispiel für ihre Bilder 20.000 Dollar, das sind heutzutage 80.000 Pesos. Sie hat hier in Argentinien seit der Krise eher wenige Bilder verkauft. Die meisten Künstler verkaufen hier in Pesos, und drüben versuchen sie dann eben, in Dollar zu verkaufen, um hier davon zu leben. Das ist schon irgendwie eine komische Sache.

Die meisten verdienen viel zu wenig. Ich kenne einige sehr gute und renommierte Künstler, und viele arbeiten noch als Lehrer oder als Dozent an der Uni. Zwei, drei Jobs gleichzeitig zu haben, ist in Argentinien aber normal.

Gibt es typische argentinische Kunst, die einen bestimmten Charakter aufweist und zum Beispiel durch den Lokalbezug vereint wird?

Also einige Arbeiten greifen schon bestimmte Motive auf. Aber bei den ganz Jungen, die sich auf internationalem Niveau bewegen, würde ich sagen: nein.

Und wie ist es um die internationale Präsenz argentinischer Künstler bestellt?

Keiner interessiert sich für Argentinien. Wir sind ziemlich in den Hintergrund gerückt, fast wie vom Globus gefallen. Argentinien liegt hier am Ende der Welt, abseits von allem. Die Argentinier haben auch keinen guten Ruf, sind auch bekannt dafür, dass Verträge nicht eingehalten werden und so, das schlägt sich auch nieder. Es werden Anstrengungen unternommen, wie mit der Kunstmesse arteBA, die dieses Jahr zum 18. Mal stattgefunden hat, aber für Europa scheint gerade Afrika interessanter zu sein. Viele Künstler gehen gerade ins Ausland. Ich kenne viele Leute, die sind zum Beispiel total begeistert von Berlin – sie wollen noch ein Stipendium und noch ein Stipendium.

Haben Sie selbst denn einen argentinischen Favoriten?

Mein argentinischer Lieblingskünstler ist Leandro Erlich, er wurde 1973 geboren, lebt in Paris und ist auch ziemlich bekannt.

(sop)

Advertisements

Einsortiert unter:Argentinien, Deutsche Spuren im Ausland, Kultur, Kunst, Lateinamerika, , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokales 2011

Jesus Mexiko 2011 (copyright fernlokal)

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Lokales 2010

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Photos

P1050718

P1090220

P1090100

P1080792

P1080447

Mehr Fotos
%d Bloggern gefällt das: