Fernlokal

Online-Magazin für kulturelle Korrespondenzen und Kontraste

Quer durch Lateinamerika: Sao Paulo – Hektik und Hubschraubertaxen

Von der Favelinha in Rio de Janeiro ins glattpolierte Business- und Bankendomizil Vila Olímpia: Nach den Tagen in Rio erscheint der Rhythmus der brasilianischen Megacity Sao Paulo rasant.

Sao Paulo aus Hubschrauberperspektive: Ein Strom sich ineinander verschlingender Straßen und Autobahnen, ein endloses Häusermeer aus Beton. Beides vereint sich aus der Luft zu einer Zehnmillionen-Metropole, einem düster wirkenden Moloch. Ein Foto, das die Kluft zwischen den Armen und den gutsituierten Paulistas eindrucksvoll symbolisiert, zeigt ein Hochhaus mit Swimmingpool auf jedem Balkon, an das die Hütten einer Favela heranwachsen. Ein geschützter Ausblick auf die Armut. Von Film und Fotos ist mein Eindruck der brasilianischen Megacity beeinflusst, als wir sie um Mitternacht erreichen. Doch kein Überfall, keine anstrengende, dubiose Menschenmasse erwartet uns um halb zwölf am Busbahnhof. Stattdessen: Leere und ein paar Taxifahrer.

Sao Paulo bei Nacht (Foto: Fernlokal)

Zeit ist Geld

Eine Stunde später sind wir fast im Stadtteil Vila Olímpia. Der bierbäuchige Fahrer hält an jeder Ampel, obwohl man nachts aus Sicherheitsgründen auch rote Ampel überfahren darf. Er kurvt zweimal um den Block und will am Ende der Odysee inklusive Trinkgeld fünfzig Reais, etwa 20 Euro, abkassieren – statt der ausgemachten 35. Im Wirtschaftszentrum Brasiliens zählt das Geld, der Rhythmus der Stadt sei schneller als in Rio, erzählt uns später Marcello. Der Freund einer brasilianischen Freundin, in dessen Apartment wir wohnen, kennt den Druck: Er ist selbst Banker, arbeitet 12 bis 14 Stunden täglich und hat mit 26 Jahren schon den ersten Burn-Out hinter sich. Am Wochenende entspannt er sich im Nachtleben – irgendwie typisch Paulista. Um ein Uhr nachts gehen wir Temakis essen, kegelförmige Tütchen, die in Sao Paulo das Sushi-Angebot dominieren; um zwei Uhr, vor dem Schlafengehen, bestellt Marcello sich noch einen Café.

Hochhäuser und Firmengebäude prägen die Gestalt des Business- und Bankeviertels Vila Olímpia, aufgefüllt durch Wohnhäuschen, unzählige Bars und Restaurants. In Vila Olímpia residieren Konzerne wie Unilever, Google, Microsoft oder das dekadente Mode-Imperium Daslu – natürlich mit eigenem Hubschrauber-Landeplatz. Nachts ziehen junge und finanzstarke Paulistas durch die Clubs und Bars. Es wirkt hier im Viertel alles zu glatt, wenn man um die Situation weiter Bevölkerungsteile weiß, andererseits angenehm sicher. Wir können entspannt durch die Straßen schlendern.

Armut und Gewalt sind hier weit weg, aber das Rattern der Hubschraubermotoren erinnert an den Blick von oben, an die sozialen Gegensätze. Über 700 Elite-Taxis kreisen täglich über Sao Paulo – um Verkehrschaos und Überfälle zu umgehen. Die weniger Reichen können sich für mehrere tausend Euro im Jahr zu Helikopter-Mitfahrgemeinschaften zusammenschließen. Wir dagegen brauchen Stunden mit dem Bus durch die Stadt, die schnelle U-Bahn fährt hier nicht. Die nächste grüne Insel ist per Fahrrad 40 Minuten entfernt: Im riesigen Park Ibirapuera, dem Central Park von Sao Paulo, spazieren und skaten Menschenmassen zwischen futuristischen Gebäuden des brasilianischen Star-Architekten Niemeyer, Seen und Gewächshäusern.

Sao Paulo (Foto: fernlokal)

Verkehrschaos (Foto: fernlokal)

Advertisements

Einsortiert unter:Brasilien, Gesellschaft, Impressionen, Lateinamerika, , , , , , , , ,

One Response

  1. […] Fernlokal: „Quer durch Lateinamerika: Sao Paulo – Hektik und Hubschraubertaxen“ […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokales 2011

Jesus Mexiko 2011 (copyright fernlokal)

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Lokales 2010

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Photos

P1050718

P1090220

P1090100

P1080792

P1080447

Mehr Fotos
%d Bloggern gefällt das: