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Schindler-Biographin Erika Rosenberg im Interview: „Spielberg wollte nur einen Helden haben“

Erika Rosenberg, in Argentinien aufgewachsene Tochter deutsch-jüdischer Emigranten aus Berlin, lebt heute je ein halbes Jahr in Argentinien und ein halbes Jahr in Deutschland. Sie ist die Verfasserin von zwei Biographien über Emilie Schindler, sowie einer Biographie über deren Ehemann Oskar Schindler. Das Interview in Buenos Aires führte unser geschätzter Kollege Nikolaus Kowall 2009 für den Österreichischen Auslandsdienst.

Erika Rosenberg interessiert sich grundsätzlich für Geschichten mutiger Frauen, wie sie betont. In mehreren Interviews anno 1990 schilderte ihr die damals in Argentinien lebende Altösterreicherin Emilie Schindler ihre Lebensgeschichte. „Mit mährischem Akzent“, wie Erika Rosenberg berichtet. Emilie Schindler war an der Rettung der 1200 „Schindler-Juden“ ganz maßgeblich beteiligt gewesen, was Erika Rosenberg in ihren Büchern ganz klar nachweist. Eine Teilhabe, die in der weltberühmten Spielberg-Verfilmung „Schindlers Liste“ (1993) keineswegs zum Ausdruck kam. Erika Rosenberg hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, auf die heldenhafte Rolle der Emilie Schindler aufmerksam zu machen.

Emilie Schindler und Erika Rosenberg

Eine kleine, fast enge aber ruhige Wohnung im „Barrio Norte“, Buenos Aires. Drei kleine Hunde, jede Menge Bücher, Unterlagen, sowie ein Laptop. Erika Rosenberg bereitet sich auf ihre Vortragsreise durch Europa von September bis Jänner vor. Mit perfektem Deutsch, bei dem nur ganz selten unabsichtlich englische statt deutscher Begriffe verwendet werden und die eine oder andere Ortsbezeichnung spanisch ausgesprochen wird, startet das Gespräch.


Frau Rosenberg, war ihr Zusammentreffen mit Emilie Schindler zufällig, oder haben sie sich gezielt entschieden die Schindler-Geschichte zu recherchieren?

Es ereignete sich ganz zufällig. Über den Chefredakteur des argentinischen Tageblattes (deutschsprachige Zeitung in Argentinien Anmk.) war ich auf die Schindlergeschichte aufmerksam gemacht worden. Über die deutsche Botschaft konnte ich die Adresse von Emilie Schindler in der Provinz Buenos Aires herausfinden. Bei unserem ersten Gespräch 1990 stelle sich heraus, dass Emilie Schindler vor allem heilfroh war, wieder einmal Deutsch sprechen zu können. Sie erzählte mir vom Bäcker, vom Nachbar und was sie sonst noch so beschäftigte. Sie lebte arm, krank und vergessen. Niemand wusste, was sie geleistet hatte.

Sie sind der Auffassung, dass Emilie Schindler nicht jene Anerkennung erhalten hat, die ihr gebührt hätte?

Auf keinen Fall. Sie erhielt zwar 1995 das Bundesverdienstkreuz der BRD, aber im Gegensatz zu Oscar Schindler und Steven Spielberg nur jenes der Klasse 2. Überdies kann man von so einer Auszeichnung nicht leben. Erst durch meine unmittelbare Intervention bei Bundespräsidenten Herzog , konnte immerhin eine 500-Mark Rente für Emilie erreicht werden. Die Beerdigung von Emilie Schindler in Bayern habe ich bezahlt. Die Stadt Berlin hätte ihr gerade einmal ein Armengrab angeboten.

Wie beurteilen sie die Rolle Emilie Schindlers in Steven Spielbergs Film Schindlers Liste? Eine zutreffende Darstellung?

Nein, eine Schande. Sie wird als Betrogene gezeigt, ohne Willen. Das trifft aber nicht zu, sie war eine ganz mutige Frau und hat beispielsweise einmal alleine einen Transport, mit 120 hungrigen Juden vor dem sicheren Tod gerettet . Ihre Teilnahme war insgesamt grandios.

Das bedeutet, Steven Spielberg hat die Geschichte verfälscht dargestellt?

Es gab schon in den 1960er-Jahren den Plan einen Film zu drehen, Oskar Schindler hat dafür selbst ein Drehbuch geschrieben. Schon alleine die Besetzung der Rolle von Emilie Schindler zeigt, dass dieser Film ihr eine ganz andere Bedeutung zugemessen hätte. Vorgesehen war der Weltstar Romy Schneider. Das komplett fertige Projekt wurde dann jedoch auf Eis gelegt. Spielberg hat Emilie Schindler zu seinem Film niemals befragt. Nur für die Schlussszene wurde sie 1993 nach Israel eingeladen. Spielberg wollte nur einen Helden haben, nämlich Oskar.

Wie erklären sie sich dieses Desinteresse, die Kronzeugin nicht zu befragen?

Spielberg lebt finanziell und in jeder Hinsicht in einer anderen Welt. Leute wie er haben den Bezug zur Realität verloren. Emilie hat von Spielberg nichts bekommen, kein Geld, kein Schreiben, kein Interesse. Nicht einmal nach ihrem Tod, hat er ein paar Worte verfasst.

Ihr Vater ist gestorben als sie neun Jahre alt waren. Ihre Mutter hat sich nie getraut ihnen die Geschichte der deutschen Juden zu erzählen? Konnte die Nicht-Jüdin Emilie Schindler diese Lücke ersetzen?

Ja, sie konnte diese Lücke schließen. Durch sie bin ich auf meine eigene Geschichte gekommen. Wenn man nicht weiß woher man kommt, weiß man nicht wohin man geht. Unsere Beziehung entwickelte sich zu einer engen Freundschaft, die ich auch als symbolisch für die Versöhnung zwischen Deutschen und Juden betrachte. Kommunikation heißt letztlich Frieden.

Frau Rosenberg, ich würde gerne einen kleinen Themensprung von Emilie Schindler zu ihnen machen und das Thema Identität in den Vordergrund rücken. Sie sind in Argentinien aufgewachsen. Welche würden sie als ihre Muttersprache bezeichnen?

Deutsch. Ich war schon als Kind für meine Eltern die Dolmetscherin. Damals habe ich meine Muttersprache aber gehasst, weil ich in der Schule ausgelacht wurde. Meine Mutter wurde als „Gringa“ bezeichnet.

Sie erhielten in Buenos Aires eine Erziehung die mit der deutschen Kultur verbunden war. Fühlen sie eine Zugehörigkeit zur deutschen bzw. deutschsprachigen Kultur?

Ja. Aber nicht zum Staat Deutschland, sondern zur deutschen Kultur an sich.

Betrachteten sie sich als religiös?

Nein. So etwas wie Gott existiert für mich schon, aber der ist keiner Religion zugeordnet. Wichtig ist mir die Offenheit, die Vielfalt ist für mich ein Reichtum. Wenn man sich entfaltet, findet man seine eigene Vielfältigkeit. Das hat der christliche Theologe Nikolaus von Kuess schon im 15. Jh. erkannt. Orthodoxie lehne ich aber ab, weil sie andere ausschließt.

Doch sie fühlen sich als Jüdin?

Ja, ganz klar.

Was ist das Judentum für Sie? Eine Religion? Eine ethnische Gruppe?

Für mich ist das Judentum, das was man im Herzen trägt. Ein Gefühl, eine Tradition, das hat man in sich. Ich kann aber auch gut in eine Kirche gehen und mich in dieser Art des Tempels wohl fühlen. Ein guter Jude ist für mich offen, redet mit anderen, vor allem auch ökumenisch. Für mich ist Religion eine Illusion. Würden sie sich mit Religion beschäftigen, wenn Kinder von acht Jahren drogensüchtig sind, sich prostituieren oder nichts zu Essen haben? Es gibt Prioritäten.

Ihre Geschichte lässt mehrere Identitätsoptionen zu? Jüdin, argentinische Staatsbürgerin, Mensch deutscher Sprache…

Vor allem Mensch. Ein Mensch, der versucht andere Menschen zu verstehen. Es interessiert nicht Farbe, Sprache Religion. Mich interessiert solidarisch zu sein. Im zweiten Weltkrieg sind 55 Millionen Menschen umgekommen, das entspricht der Bevölkerung Großbritanniens. Ich sehe neben den sechs Millionen Juden auch die ganzen Russen, Deutschen, Christen etc.

Wie fühlen sie sich heute als Jüdin in Deutschland oder Österreich?

Sehr wohl. Es sind Länder, die sich mit ihrer eigenen Geschichte kritisch auseinandersetzen. In Argentinien, wo es während der Naziherrschaft ein Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge gab und wo man erst im April 1945 Deutschland den Krieg erklärte, gibt es diese Auseinandersetzung nicht.

Der Rabbiner Leo Baeck sagte nach dem Krieg „Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zu Segen werden können. Das war eine Illusion. Wie beurteilen sie diese Aussage heute?

Das glaube ich nicht. Schon 1804 wurde die erste deutsche Messe in einer Berliner Synagoge abgehalten…. Viel eher ist eine Illusion, was heute unter dem Titel „deutsch-jüdisch“ passiert.

Können sie das ausführen?

Schauen Sie, bei meinen Vortragsreisen komme ich viel herum. Oft werde ich von kleinen jüdischen Gemeinden, auch am Land, eingeladen. Vor allem auch in Ostdeutschland. Dort bin ich mit Menschen konfrontiert ,die aus der Ukraine und aus Russland angesiedelt wurden, teilweise kein Wort Deutsch sprechen und völlig außerhalb der deutschen Gesellschaft leben. Es sind Leute, die oft sehr verkalkt sind und mit der deutsch-jüdischen Symbiose meiner Vorfahren nichts zu tun haben.

Wenn ich das richtig verstehe sind Sie der Meinung, dass die Wiederbelebung einer deutsch-jüdischen Symbiose nicht funktioniert, wie sie derzeit gestaltet wird?

Wenn ich mir den jüdischen Friedhof Weißensee (Berlin Anmk.) ansehe, dann stelle ich fest, dass etliche der jüngeren Gräber kyrillisch beschriftet sind. Die Leute kommen aus der Ukraine und sind jetzt die jüdische Gemeinde XY. Sie sind aber der deutschen Kultur gar nicht mächtig. Das kommt mir ein bisschen künstlich vor. Verstehen sie mich nicht falsch, diese Leute tun mir leid. Einzelnen habe ich auch schon viel weitergeholfen. Aber sie sind ein bisschen auf verlorenem Posten in Deutschland.

Frau Rosenberg, als dritten und letzten Themenblock würde ich sie noch gerne bezüglicher einiger Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in Israel befragen. Nationalistische und nationalreligiöse Parteien verfügen in der Knesset seit der letzten Wahl in Summe über 30 Prozent der Stimmen. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?

Ich verfolge die Tagespolitik nicht im Detail mit. Ich kann ihnen nur sagen, einige Parteien in Israel sind so erzkonservativ, dass sie die Entwicklung des Landes stoppen. Ich hasse den Krieg und vor allem die Krieger. Ich bin von Natur aus Pazifistin. Andererseits ist Israel in einer geographisch schrecklichen Lage. Entstanden aus den Trümmern der verfolgten Juden. Die Ideen der heutigen politischen Führung sind aber Lichtjahre von jenen Pionieren entfernt, die in den 1930er-Jahren ein Stück Wüste besiedelten. Eine Alternative existierte vor einigen Jahren mit Rabin (Ministerpräsident Israels von 1992-1995 Anmk.). Sie wissen, dass er von einem Fundamentalisten ermordet wurde? Ich habe ihn persönlich kennen gelernt. Ein großer Geist, er hätte den Frieden gebracht.

Letzte Woche beschloss die israelische Bildungsministerin den Begriff „Nakba“ aus den Schulbüchern zu streichen und die von den Palästinensern empfundene Katastrophe nicht mehr zu lehren? Was ist ihre diesbezügliche Meinung?

Ich glaube nicht, dass man eine neue Heimat für Millionen verfolgter Menschen als Katastrophe bezeichnen kann.

Wo sehen Sie das Hindernis für den Frieden?

Es sind die Regierungen, die meiner Meinung nach nicht den Willen des Volkes repräsentieren. Wenn man die Israelis auf der Straße fragt: „Was wollt Ihr?“, sagen die Leute: „Frieden“. Wenn Fundamentalisten glauben, alle müssen dasselbe glauben wie sie selbst , das akzeptiere ich nicht. Kennen Sie Brechts Gedicht von der Maske des Bösen? Es ist eigentlich sehr anstrengend, immer böse zu sein.

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3 Responses

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Albrecht Roettger, Öst.Jüdisches Museum. Öst.Jüdisches Museum said: N. Kowall im Interview mit Schinlder-Biographin Erika Rosenberg (fernlokal): http://ojm.at/rosenberg […]

  2. Francesca H. sagt:

    Heute war Erika Rosenberg in unserer Schule dem JBG in Kaufbeuren.Sie hielt einen Vortrag über die wahre Geschichte von Oskar und Emilie Schindler. Es war sehr interressant mit jemanden zu reden der sie wirklich gekannt hat. Danke für den tollen Vortrag Frau Rosenberg.

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