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Haiti: Einsatz zwischen Trümmern

Haiti ist fast vergessen. Daran ändert auch der Appell von Obama nach dem Treffen mit dem haitianischen Präsidenten René Preval am letzten Mittwoch nichts: Haiti brauche die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, die Krise sei nicht vorbei. Lebensmittel, Medizin und Unterkünfte fehlen immer noch – zudem drohen Überschwemmungen während der Regensaison. Internationale Rettungsteams sind seit den ersten Tagen nach dem Erdbeben vor Ort. Key Kretschmer war als Einsatzleiter des MHW mit einem Rettungsteam in Haiti. Ein Rückblick.

Key Kretschmer ist jede Nacht in Haiti. Der Inselstaat, der im Januar von einem Erdbeben erschüttert wurde, lässt ihn nicht los. „Ich träume von unseren Einsätzen, wie wir durch die Gegend ziehen.“ Der 47-Jährige Münchner war als Einsatzleiter in Haiti, er hat ein 22-köpfiges Rettungsteam koordiniert: Medizinisches Fachpersonal, Rettungstechniker und Hundeführer mit fünf Spürhunden. „Durch die Entfernung habe ich erst nicht an einen Einsatz gedacht.“ Dann kam der Anruf vom Präsident des Medizinischen Katastrophen-Hilfswerk Deutschland. Das MHW ist ein Zusammenschluss von Rettungsdienstunternehmern und Kooperationspartnern, die bei Katastrophen wie Tsunami oder Haiti Hilfe leisten. Key Kretschmer hatte keine Zeit, dann sagte er doch zu. „Wenn man mich braucht, kann ich nicht anders.“

Der Münchner ist seit 1977 im Rettungsdienst. Er ist schon „als Schulbua hinten mitgefahren“, hatte einen Rettungsdienst in München, kam zum medizinischen Lufttransport und arbeitet für die Vereinigten Arabischen Emirate. „Es gibt keinen Fleck auf der Welt, wo wir nicht mal einen Patienten hingebracht haben.“ Sein letzter ehrenamtlicher Einsatz war 2004: „Tsunami war eine große Katastrophe und es waren viele Deutsche involviert. Da haben der deutsche Staat und die Versicherungen relativ schnell ihre Leute losgeschickt“. Nach Haiti verirrt sich kaum ein Tourist. Während der Osten der Insel Hispaniola, die „DomRep“, als karibisches Urlaubsziel bekannt ist, zählt der westliche Staat zu den ärmsten Ländern der Welt. Viel mehr wusste Kretschmer auch nicht vor seinem Einsatz. Haiti ist politisch instabil, leidet an Umweltzerstörung, Überschwemmung, Überbevölkerung. 80 Prozent der Haitianer leben von maximal zwei Dollar pro Tag, der Staatshaushalt wird durch Entwicklungshilfe gestützt. Dazu das Erdbeben: Es gilt als eines der schlimmsten Naturereignisse der letzten 100 Jahre.

Stadt in Trümmern (Foto: MHW Deutschland)

Stadt in Trümmern (Foto: MHW Deutschland)

Wettlauf gegen die Zeit

Ein Einsatz nach einem Beben ist ein Wettlauf gegen die Zeit, je früher mit der Suche begonnen wird, desto höher sind die Überlebenschancen. 72 Stunden nach der Erosion sinkt die Chance rapide, Verschüttete lebend aus den Trümmern zu bergen. Um 11 Uhr trafen sich die Freiwilligen zum ersten Mal, Kretschmer organisierte Flüge für die Truppe und knapp vier Tonnen Gepäck, nachmittags folgte die zweite Besprechung. Der Flughafen der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince war zu dem Zeitpunkt gesperrt. Der Einsatzleiter rief in einem dominikanischen Hotel an, in Punta Cana hatte er 2004 seinen Urlaub verbracht. Zufällig wurde er mit einem jungen Deutschen, Nikolai Tepper, verbunden, der dort ein Praktikum machte. „Der Junge war Feuer und Flamme und hat sich reingehängt, mit dem habe ich die ganze Nacht durchtelefoniert“, so Kretschmer. „Er hat uns einen Bus und 500 Liter Trinkwasser organisiert – und das zu einem Preis, den wir bezahlen konnten.“ Am nächsten Morgen ging es los, für eine inhaltliche Vorbereitung blieb keine Zeit. „Ich habe bewusst nicht mehr ferngesehen, damit ich nicht in Panik verfalle“, erinnert sich der Einsatzleiter. Er ließ sich ein Dossier nach Punta Cana schicken.

Am Flughafen nahm Nikolai die Deutschen in Empfang – und schlug Kretschmer einen Handel vor: „Hier ist der Bus, hier ist das Wasser. Du kriegst den Bus und das Wasser nur, wenn ich mitkommen darf. Ich habe gesagt: Das geht nicht Bursche – du hast keine Ahnung von Katastrophenschutz, du weißt nicht, was dich erwartet.“ Am Ende konnte Nikolai sich durchsetzen. An einem militärischen Stützpunkt der Grenzstadt Jimani, an dem Hilfsgüter nach Haiti aus- und Verletzte eingeflogen wurden, war die Reise vorerst zu Ende. „Es war noch hell, aber sie haben uns nicht über die Grenze gelassen“. Am Vortag war ein Hilfsgüter-Konvoi überfallen und geplündert, zehn Leute ermordet worden. Die Zwangsübernachtung war ein Ärgernis. „Die 72 Stunden sind immer näher gekommen“, so Kretschmer. „Die Hundeführer waren unzufrieden, weil ihre Hunde nach Lebenden suchen sollten und nicht nach Toten.“

Am nächsten Morgen erreichten sie Port-au-Prince. „Erstaunlicherweise hat man höchstens mal eine umgestürzte Gartenmauer gesehen“, erinnert Key Kretschmer sich an die Fahrt ins Ungewisse. „Ich hatte erwartet, dass wir durch Trümmer fahren, wo Leichen herumliegen. Es war gut, das Camp zu sehen, bevor wir traumatisiert worden sind.“ Dreißig Minuten später startete der erste Einsatz. „Im Flughafen waren höchstens Risse, 800 Meter entfernt war alles zerstört. Eine fiktive Grenze – auf der einen Seite passiert nichts und auf der anderen Seite ist alles kaputt.“ Auf den Fotos des Einsatzleiters ragen verbogene Stahlstreben aus Steintrümmern. „Die Toten lagen auf der Straße, zugedeckt mit Pappe oder irgendeinem Fetzen, zum Teil haben ihnen die Köpfe gefehlt.“ Die Dächer der Wellblechbaracken hätten den Menschen wohl den Kopf abgetrennt. Key Kretschmer hat in seinem Leben viele Tote gesehen, bei Einsätzen im Ausland und bei Hausöffnungen in München. „Was mich erschüttert hat, ist, das in dem Geröll Leichen lagen, Teile heraus geschaut haben und Bagger die Toten mit dem Geröll abtransportiert haben.“ Die Erdbebenopfer werden außerhalb der Stadt in Massengräbern beerdigt, da Seuchengefahr droht. Die Verwesung setzt nach wenigen Stunden ein, drei Tage war das Beben her, bei Temperaturen von 40 Grad. Der gelbe Staub, der sich über Port-au-Prince gelegt hatte, war verschwunden – der Verwesungsgeruch lagerte überall. „Wenn man aus der verkehrten Richtung gekommen ist, hat man gerochen, wo genau die Toten liegen“. Für manche sei das unerträglich. Mit Masken, ätherischen Ölen und verstopften Nasen schotten sich die Helfer ab.

Mit der Durchsuchung einer Universität war ein spanischer Trupp den Deutschen zuvor gekommen. „Die Teams haben sich irgendetwas gesucht, weil es keine Koordination gab.“ Die logistische Leistung der UN möchte Kretschmer dennoch nicht kritisieren. „Es gab keinen Strom, kein Wasser und kein Telefon, die UN hat ein paar hundert Leute verloren, das Hauptgebäude ist zusammen gebrochen, die Infrastruktur, die sie in den letzten Jahren aufgebaut haben, vernichtet worden.“ Seit dem Beben ist viel passiert. Etwa 67 internationale Teams mit 1900 Rettungskräften und 160 Suchhunden waren im Einsatz. „Jeder hat einen anderen Helm aufgehabt, die einen rote, die anderen blaue, jede Nation hat sich anders gekleidet und die Straßen waren bunt.“

Kretschmer und seine Leute gehörten zu den Ersten: „Als wir ankamen war der Platz leer, es standen zwei kleine Zelte da – als wir abgefahren sind, war der ganze Flugplatz voll.“ Der Besitzer einer Textilfabrik wies den Weg zum ersten Einsatzort. 19 Menschen der 200-köpfigen Belegschaft wurden noch vermisst. Den ganzen Nachmittag durchsuchte das deutsche Team das Gebäude – mit Hunden und Bioradar, der Bewegungen wie Herzschlag oder Atmung registriert. „Die Hunde haben angeschlagen, aber wir haben nur eine Leiche entdeckt. Der ist wohl kurz davor gestorben.“ Kretschmer ringt mit sich. Lebendig konnte das Team niemanden aus den Trümmern von Port-au-Prince bergen. Das enttäuscht ihn, dabei ist es nicht ungewöhnlich: Die etwa 135 Geretteten wurden fast alle am Anfang entdeckt, sie waren meist in Gruppen in Räumen eingeschlossen – selten einzeln verschüttet.

OP mit Schweizer Taschenmesser

Durch Operationen konnte das deutsche Team doch noch Leben retten. Jeder kleinste Schnitt im Finger kann lebensgefährlich sein: „Wunden haben sich sofort infiziert und man konnte oft wie im Krieg nur amputieren.“ Es gab keine Krankenhäuser, keine Medikamente. Am Anfang hätten die Ärzte nicht einmal Narkosemittel gehabt, die Verletzten wurden bei Bewusstsein operiert. „Wenn es nicht anders ging mit einem Schweizer Taschenmesser, damit haben sie Knochen durchgesägt. Nach der Operation gab es kein Antibiotikum, um eine Infektion zu stoppen.“ Mittlerweile hätten die Hilfsorganisationen Ärzte, Medikamente, Operationszelte mitgebracht. Etwa drei Millionen Menschen waren von dem Erdbeben betroffen, ein Drittel der Bevölkerung.

Es gab mindestens 300.000 Tote, 300.000 Verletzte. Etwa 1,2 Millionen Haitianer sind obdachlos. Key Kretschmer hat die Bevölkerung größtenteils „eingeschüchtert und zutiefst traumatisiert“ erlebt. Die Angst ist groß, vor allem bei Einbruch der Dunkelheit. Bei dem Beben sackte auch das Gefängnis von Port-au-Prince in sich zusammen. 7.000 Kriminelle kamen frei, Banden vergewaltigen obdachlose Frauen. Es geht ums Überleben: Hunger und Durst führen zu kleineren Unruhen. Kretschmer konnte beobachten, wie Tausende auf einen Wasserwagen zurannten, der aus Angst mit offenem Hahn wegfuhr. „Wenn wir etwas trinken wollten, mussten wir uns gegenseitig abschirmen – als Sichtschutz vor der Bevölkerung.“ Die Deutschen haben ganze kleine Stadtviertel abgesucht, sind mit schwerem Gepäck kilometerweit gelaufen und haben kaum geschlafen. „Ich weiß, dass wir für die Bevölkerung einen guten Job gemacht haben, durch unsere Präsenz hat dieses Land zumindest das Gefühl bekommen: Endlich kümmert sich die Welt um uns.“ Kretschmer ist dennoch enttäuscht – die Zufriedenheit, die er nach Einsätzen empfindet, stellt sich diesmal nicht ein. Dazu kam, dass einige seiner Männer, die länger in Haiti blieben, bei einem Angriff aus dem Camp evakuiert werden mussten. Auf dominikanischem Boden fühlte er sich „physisch und psychisch am Ende“. Schon das Frühstück im Hotel war absurd, zwei Frauen stritten sich um eine Scheibe Käse.

Zurück in München drängt es den Einsatzleiter, die Hilfsaktion fortzusetzen. „Wenn ich nicht verheiratet wäre, keine Kinder hätte, wäre ich jetzt in Haiti.“ Key Kretschmer hat Angst, dass das Land in Vergessenheit gerät: „Es wird irgendwo etwas passieren und dann sind alle weg.“ Mindestens zehn Jahre würde der Wiederaufbau aber dauern. Das hat  zwei Krankenwägen, Hilfsgüter und eine Wasseraufbereitungsanlage nach Haiti geschickt und plant, Verletzte für Operationen nach Deutschland zu holen. Mittlerweile kann Key Kretschmer sich wieder Nachrichten aus Haiti ansehen: „Über jeden, den andere Teams noch rechtzeitig gefunden haben, habe ich mich gefreut – für die Leute, aber auch für die Teams. Wie als die Israelis das Geschwisterpärchen aus den Trümmern gezogen haben.“

(sop)

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One Response

  1. […] ums Leben, etwa 1,6 Millionen wurden obdachlos. Der Wiederaufbau Haitis (siehe Länderprofil und Erfahrungsbericht eines deutschen Katastrophenhelfers) ist angesichts der chaotischen Lage eine schwierige politische […]

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