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Argentinischer Staatsterror, der Fall Käsemann und die deutsche Schuldfrage

Zur Zeit laufen in Argentinien neue Prozesse gegen Verbrechen während der Militärdiktatur. Etwa 30.000 Menschen fielen dem staatlichen Terror von 1976 bis 1983 zum Opfer, sie wurden entführt, gefoltert und ermordet. Deutschland tritt als Nebenkläger auf: Verhandelt wird auch der Fall der jungen Deutschen Elisabeth Käsemann. Und wirft die Frage nach der Schuld der damaligen deutschen Bundesregierung auf.

An ihrem 30. Geburtstag befand sich Elisabeth Käsemann bereits in dem Folterzentrum El Vesubio in der Provinz Buenos Aires. Wenige Tage später, in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1977 wurde sie mit 15 Mitgefangenen in Monte Grande erschossen. Die offizielle Version der argentinischen Militärregierung: Es habe ein Feuergefecht gegeben, bei dem die 16 “subversiven Verbrecher” getötet worden seien.

Elisabeth trug Handschellen und eine Kapuze über dem Kopf, die gezielten Schüsse in Genick und Rücken weisen auf eine Exekution hin. Keine ungewöhnliche Praxis im Umgang mit Gefangenen, die nach ihrer Inhaftierung in den Folterzentren oft erschossen und in Massengräbern verscharrt oder narkotisiert, gefesselt und während der sogenannten „Todesflüge“ über dem Atlantik abgeworfen wurden.

Elisabeh Käsemann: Gefährliches Engagement

Elisabeh Käsemann: Gefährliches Engagement

Soziales Engagement in Lateinamerika
Elisabeth Käsemann war die Tochter des streitbaren Theologen und Nationalsozialismus-Gegners Ernst Käsemann. Ihr sozialpolitisches Engagement führte sie nach ihrem Soziologie- und Politik-Studium 1966 an der Freien Universität Berlin für ein Praktikum nach Lateinamerika. Angesichts von Armut und sozialer Ungleichheit, die sie in den bolivianischen Armenvierteln erlebte, entschloss sie sich, zu bleiben.

Ihre nächste Station war Buenos Aires, die argentinische Hauptstadt, wo sie als Übersetzerin arbeitete, studierte und sich in der Armensiedlung „Villa 31“ hinter dem Bahnhof in Retiro engagierte. “Ich bin dabei, mich mit dem Schicksal dieses Kontinents zu identifizieren”, schrieb sie ihren Eltern nach Tübingen, “Vielleicht wird das zu Entscheidungen führen, die ihr nicht versteht oder die euch viel Kummer bereiten könnten.”

Staatsterror gegen Systemkritik

Die Zeilen weisen auf ihre politische Arbeit in Argentinien hin: In Buenos Aires hatte sich 1976 die Militärregierung unter General Jorge Videla an die Macht geputscht. Das neue Regime ging nicht nur gegen linke Guerillas wie die „Montoneros“ und Kritiker mit Verschleppung, Folter und Mord vor, sondern gegen jeden kleinsten Verdacht von Abweichung: „Primero mataremos a todos los subversivos, luego mataremos a sus colaboradores, después […] a sus simpatizantes, enseguida […] a aquellos que permanezcan indiferentes y finalmente mataremos a los tímidos“. „Wir töten erst die Subversiven, ihre Unterstützer, ihre Symphatisanten, alle, die sich nicht eindeutig positionieren und schließlich die Ängstlichen“, soll der General Ibérico Saint Jean 1977 in einem Interview mit dem Guardian gesagt haben. Elisabeth gehörte damit par excellence zu den argentinischen Staatsfeinden, sie war Teil eines Netzwerks, das Oppositionelle aus dem Land schmuggelte, fälschte Dokumente für die Ausreise.

Reaktion der Deutschen Botschaft: Kein Interesse
Elisabeth wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1977 entführt, zwei Tage später holen sie auch ihre Freundin Diana Austin ab, eine britische Theologiestudentin. Nach 14 Stunden Verhör und Folter brachten die Offiziere Diana wieder in ihre Wohnung zurück – die bereits ausgeräumt war. Ein Hinweis dafür, dass die Rückkehr nicht geplant war. Nach zwei Tagen Einschüchterung, Mordandrohungen und Vergewaltigung gaben die Offiziere ihr den britischen Pass zurück und ließen sie ausreisen.

Warum sie freigelassen wurde und Elisabeth Käsemann nicht: „Weil meine Regierung entschieden für mich eintrat“, meint Austen heute. Zurück in New York schrieb sie in einem Bericht an Amnesty International über die Lage von Elisabeth Käsemann. Die Organisation leitete den Appell an die deutsche Botschaft in Buenos Aires weiter.

Die Deutsche Botschaft habe den Brief ignoriert, die Beamten gaben an, von einem Folterlager in Buenos Aires nichts zu wissen. Ähnliche Reaktionen erfuhren auch weitere Angehörige der Deutschen und Deutschstämmigen, die die Botschaft um Hilfe baten. „Freundliche Worte“ seien die einzige Unterstützung gewesen, erinnert sich die Mutter von dem 1976 verschwundenen Studenten Klaus Ziehschank. „Sagen Sie uns, was wir machen sollen“, hätten die Vertreter der Deutschen in Buenos Aires zu ihr gesagt. Weder Unwissen noch Machtlosigkeit hinderte die deutsche Interessenvertretung in Argentinien daran einzugreifen, sondern politisches Kalkül.

Mercedes wichtiger als ein Leben
Zehn Wochen lang wusste die Botschaft von der Gefangenschaft Elisabeths. Dann war es zu spät. Die Stille Diplomatie Deuschlands führte ins Nichts, Einzelschicksale zählten nicht. Der Vater von Elisabeth beschwerte sich, dass Menschenrechte weniger wert seien als die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Argentinien und Deutschland. Ein verkaufter Mercedes wiege mehr als ein Menschenleben.

Lastwagen und Panzer von Mercedes-Benz, Atomkraftwerke von Siemens, Kampfflugzeuge von Dornier und Messerschmitt-Bölkow-Blohm, U-Boote aus den Howaltswerken aus Kiel, Fregatten von Blohm & Voss: Deutsche Unternehmen verdienten gut an der Militärdiktatur.

Auch vor dem Hintergrund der Aktivitäten der RAF in Deutschland wird Kanzler Schmidt wenig daran gelegen haben, sich für Kritiker in Argentinien einzusetzen, die teils linken Ideen nahe standen. Solange die Gewalt nicht in der Öffentlichkeit stattfand – wie es in Chile unter Pinochet geschah, der Oppositionelle im Fussballstadion zusammentreiben ließ – akzeptierte Deutschland die argentinische Linie. Um ein Fussballmatch Argentinien – Deutschland im Juni 1977 nicht zu stören, wurde der Tod von Elisabeth Käsemann erst nach dem Spiel bekannt gegeben.

(sop)

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One Response

  1. […] Die Regierung bekommt das Problem nicht in den Griff. Nur etwa 3000 Plätze für den Drogenentzug gibt es – viel zu wenige. Die meisten fühlen sich beim Kampf gegen die Sucht alleine gelassen. Einige Mütter haben sich im Kampf gegen die Droge in der Organisation „Madres contra el paco“ zusammengeschlossen, sie klären auf, halten Vorträge und demonstrieren gegen die mangelnde Unterstützung der Regierung. Die Madres contra el paco tragen bei ihren Protestmärschen schwarze Kopftücher. Sie erinnern damit an die Madres de la Plaza de Mayo mit ihren weißen Kopftüchern, die eine andere Generation von jungen Argentiniern verloren hatten – die während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 ermordeten Söhne, Töchter und Enkel. […]

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