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Anti-Mafia-Fotografin Letizia Battaglia: Tod und Alltag in Palermo

Blutige Tatorte, Mafia-Opfer und Aussichtslosigkeit: Die italienische Fotografin Letizia Battaglia hat das Leben in Sizilien und die Verbrechen der Mafia dokumentiert. Bis zum 6. Juni 2010 sind ihre Bilder in der Ausstellung Letizia Battaglia – Sizilianische Fotografien 1976–2009 in der Aspekte Galerie im Münchner Gasteig zu sehen.

In ihren Fotografien hat Letizia Battaglia den sizilianischen Alltag in den 80er und 90er Jahren und die Macht der Mafia festgehalten: Auf der Straße oder in Hinterhöfen hingestreckte Tote, Prostitutierte in einem blutbespritzten Zimmer, die wegen Streitigkeiten beim Drogenhandel exekutiert wurden, verzweifelte Angehörige. Oder ein Junge mit Strumpfmaske, der Killer spielt und die Normalität in Palermo reproduziert.

Jesus - Lutizia Battaglia

Jesus - Lutizia Battaglia

Fotografie als Waffe

Letizia Battaglia, die ihre Bilder als Waffe und als Zeugnis der Kriminalität eingesetzt hat, ist mehrmals bedroht worden, sie musste ihren Buchladen auf Sizilien wegen Schutzgelderpressung schließen und ihre Arbeit wird in Italien totgeschwiegen. In Sizilien will niemand etwas von ihren Fotografien wissen, Aufträge italienischer Medien – auch für mafiafreie Bilder – erhält sie nicht. Anerkennung bekam sie ausschließlich außerhalb von Italien: 1985 den „Grant in Humanistic Photography„, 1999 den Photography Lifetime Achievement des International Fund for Documentar Photography„, 2007 wurde sie mit dem deutschen Erich-Salomon-Preis ausgezeichnet.

Battaglias Schwarz-Weiß-Fotografien wirken ästhetisiert, inszeniert – doch für sie ist ihre Fotografie keine Kunst, sondern ihr Leben, ihre Aufgabe. Dass die Fotografien manchmal wie gestellte Werke wirken, führt sie darauf zurück, dass sie an Tatorten tausendmal fotografiert habe, wobei ab und zu brauchbare Fotos dabeigewesen seien. Sie hat jahrelang den Polizeifunk abgehört und kam mit ihrer Vespa oft als Erste am Tatort an. Dort habe sie immer wieder „gelitten, draufgehalten, abgedrückt, gekotzt, wieder gelitten, wieder draufgehalten“ (Battaglia 2007 zur SZ).

Gefangen in Palermo

Letizia Battaglia wurde 1935 in Palermo geboren, der sizilianischen Hauptstadt und damals Hochburg der Mafia. Sie wuchs in der norditalienischen Stadt Triest auf, kam mit acht Jahren mit ihrer Familie zurück nach Palermo, wo ihr Vater sie nach der Klosterschule zu Hause einsperrte, da es auf der Straße für Mädchen zu gefährlich schien. Mit 16 flüchtete sie sich in eine Ehe – ein neues Gefängnis, dem sie sich mit 36 entzog.

Nach einem Nervenzusammenbruch und Herzinfarkt verließ sie ihren Mann, ging mit ihren drei Töchtern nach Mailand, und begann für die linke Zeitung L`Ora zu schreiben – und zu fotografieren. Denn ihre Reportagen konnte sie nur mit Bildern verkaufen. Anfang der 70er Jahre lernte sie den jüngeren Fotografen Franco Zecchin kennen. Mit ihrem neuen Lebenspartner und Kollegen kehrte sie nach Palermo zurück und arbeitete von 1974 bis zum Bankrott der Zeitung 1990 als Chef-Fotografin und Reporterin für L’Ora. Die Fotografie gab ihr eine Stimme, war ihr Medium der Auflehnung und Befreiung – privat wie gesellschaftlich.

Fast jeden Tag ein Mafia-Mord

Palermo war für die vielen Mafia-Clans, die die Stadt unter sich aufgeteilt hatten, wegen des lukrativen Bausektors und der hohen öffentlichen Ausschreibungen attraktiv. In den 70er Jahren verlagerte sich das kriminelle Zentrum in die verarmte Kleinstadt Corleone, wo die bekannten Mafiosis Salvatore „Totò“ Riina und Bernardo Provenzano geboren wurden. Hier entwickelte sich ein besonders gewaltbereiter Mafia-Clan: Die Corleoneser hielten sich nicht mehr an die traditionellen Regeln der Mafiafamilien aus Palermo; sie stiegen ins Heroin-Geschäft ein und lieferten sich mit den Palermo-Clans Gefechte um Macht und Geld. 1980 begann in Palermo der Große Mafia-Krieg mit mehreren hundert Toten und der Ermordung ganzer Familien. Zwischen 1981 und 1983 geschah fast alle drei Tage ein Mord.

Wenige lehnten sich gegen die Mafia auf. Auf einem Foto von Battaglia ist der Staatsanwalt Giovanni Falcone mit einer Gruppe bewaffeneter Leibwächter zu sehen. Er war das Symbol des Widerstands gegen die Mafia. Falcone hatte eine Untersuchungskommission zur Mafikämpfung aufgebaut, einen Massenprozess geführt und wurde mit seiner Frau und seinen Leibwächtern 1992 bei Palermo erschossen. Der Mafia-Boss Totó Riina hatte das Attentat wahrscheinlich in Auftrag gegeben, unterstützt von Informationen aus Regierungskreisen, die den Aufenthaltsort Falcones verraten hatten.

Erst dem Antimafia-Bürgermeister Leoluca Orlando, der mit kurzer Unterbrechung von 1985 bis 2000 amtierte, gelang es, beim sogenannten „Primavera di Palermo“ (Frühling von Palermo) den Einfluss den Mafia, Korruption und Kriminalität durch stärkere Kontrollen und wirtschaftliche, gesellschaftliche sowie kulturelle Reformen zu verringern. Unter Orlando war Letizia Battaglia in der Umwelt- und Kommunalpolitik, im Stadtrat Palermos und als Abgeordnete der von Orlando gegründeten Anti-Mafia-Partei „La Rete“ aktiv.

Die neue Mafia: Mit Sakko und Krawatte

Heute ist die Mafia unsichtbarer geworden, die Kriminalität arbeitet mit anderen Methoden. „Die Mafia heute, das ist Hochfinanz. Politiker, Wirtschaftsbosse. Feine Herren, die möglicherweise für das poetische Kino schwärmen. Sie morden im Verborgenen“, sagte Battaglia 2007 gegenüber der SZ. „Keine Polizisten, Staatsanwälte oder Journalisten, das brächte zu viel Aufmerksamkeit. Es wäre also schwer, diese neue Mafia im Bild festzuhalten.“ Den Kampf hat sie aufgegeben, sie ist ernüchtert (siehe auch Zeit-Portrait von 2007). Die neuen Mafiosis sind in der Wirtschaft und auch im Internet unterwegs.

An „Ecomafia“ – der Verbindung von „Economy“ und Mafia – also der Unterwanderung legaler Branchen wie Bauwirtschaft, Immobilien, Abfallentsorgung, Gastronomie sowie Bank- und Finanzwesen soll die italienische Mafia jährlich geschätzte 100 Milliarden Euro verdienen. Die informellen Verbindungen der Mafia reichen von Berlusconi bis zum Vatikan. Die blutigen Strassenkämpfe der 80er und 90er Jahre waren ein Zeichen der Schwäche und inneren Desorganisation – wenn die Mafia mächtig ist, bleibt sie unsichtbar.

(sop)

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