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Semra und der Islam: „Niemand muss sich in die Luft sprengen“

Koranschule, Moscheebesuche und Schweinefleischverbot: Semra ist von ihren bosnischen Eltern muslimisch erzogen worden. Jetzt ist die Münchnerin 22 Jahre alt und hinterfragt, was der Islam ihr bedeutet.

Die Scheiben für den einzigen Burger aus Schweinefleisch liegen in Plastiktüten eingeschweißt auf dem Grill. Kein Tropfen darf entkommen, die anderen Burger-Sorten berühren. Denn für Muslime gilt Schweinefleisch als „haram“, Allah hat es verboten. Semra, Auszubildende bei einer Fast-Food-Kette, kann die Bratlinge zwar anfassen ohne sich zu ekeln – essen würde sie Schweinefleisch aber nicht. Ihre Eltern hätten ihr „eingetrichtert“, dass es schlimm sei.

Semras Eltern sind in den 1970er Jahren als Gastarbeiter von Bosnien nach Deutschland gekommen, Semra wurde in München geboren. Wie ihre beiden älteren Schwestern ist sie muslimisch erzogen worden. Neben der Grundschule hat sie am Wochenende die Koranschule in einer arabischen Moschee in München besucht. Hinterfragt hat sie den Glauben damals nicht: „Wir hatten nichts dagegen. Es kam eben durch die Erziehung und nicht durch das eigene Überlegen“.

Semra: "Muslime werden pauschal in einen Topf geworfen"

Semra: "Muslime werden pauschal in einen Topf geworfen"

Der Hodscha, der Religionsgelehrte, der mit den Kindern betete und mit ihnen den Koran las, war eine Respektperson und ein Vorbild – gläubig, gebildet, das was er sagte, schien richtig zu sein. Dann verließ der Lehrer seine Frau, brannte mit einer 20-Jährigen durch, und es stellte sich heraus, dass er die Spendengelder an die Moschee in Autos und ein Haus investiert hatte. „Ich weiß nicht, was ich denken soll“, meint Semra. Ihr Glauben ist seitdem erschüttert.

Im Namen von Allah

Die 22-Jährige ist in Bayern „multikulti“ aufgewachsen, mit Freunden aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Weltanschauungen. Zwar habe sie nie jemand wegen ihres Glaubens schlecht behandelt, doch Vorurteile kennt sie. Nach den Terroranschlägen in den USA vor neun Jahren habe sie sich abgestoßen gefühlt: „Seit dem 11. September haben unsere Nachbarn uns anders angeschaut“. Die Mädchen hätten sich immer an der Tür der Nachbarn vorbeigeschlichen.

Über die Unterdrückung von Frauen oder Gewalt, die im Namen von Allah praktiziert wird, regt Semra sich auf. „Der Islam schreibt niemandem vor, sich in die Luft zu sprengen“. Die Selbstmordattentäter seien krank, sie würden den Islam beschmutzen, der eine friedliche Religion sei. Auch die negative Berichterstattung in den deutschen Medien trage dazu bei, dass Menschen mit muslimischem Glauben grundsätzlich als gefährlich wahrgenommen würden. Sie werde als Muslimin „pauschal in einen Topf geworfen“.

Träger-Shirt statt Burka

Semra wohnt bei ihren Eltern, eine eigene Wohnung kann sie sich nicht leisten. Eigentlich versteht sie sich gut ihnen, doch manchmal ist ihr Leben ein Versteckspiel. Ihren Freund musste sie lange verheimlichen und hat ihn erst nach drei Jahren mit nach Hause gebracht. Ihr Vater sieht es nicht gerne, wenn sie Ausschnitt oder Trägeroberteile trägt.

Wenn Semra abends zu einem Konzert geht, zieht sie sich Leggings unter den Rock oder einen Pullover darüber – und zieht die Kleidungsstücke auf dem Weg im Auto wieder aus. Ein Kopftuch trägt sie nur in der Moschee – dort dürfen von den Frauen nur die Hände, das Gesicht und die Füße zu sehen sein. Ihr Vater ist mittlerweile der einzige in der Familie, der regelmäßig die Moschee besucht und fünfmal täglich betet.

Semra betet seit zwei Jahren nicht mehr. Auch eine Pilgerfahrt nach Mekka, eine der heiligen Pflichten, gehört nicht zu ihren Zielen, dort würden sich die Leute nur tottrampeln. Das Fasten im Ramadan, das Semra mit 12 Jahren zum ersten Mal praktizierte, hat sie im letzten Jahr nicht mehr den ganzen Monat, sondern nur am Wochenende oder an arbeitsfreien Tagen durchgehalten: „Ich arbeite nun mal mit Essen“. Woran sie glaubt und welche Rolle der Islam in ihrem Leben spielt, lotet sie gerade aus. „Alle glauben an etwas anderes“, meint Semra. Jeder Mensch habe sich nur etwas gesucht, an dem er sich festhalten kann.“

(sop)

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