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Online-Magazin für kulturelle Korrespondenzen und Kontraste

Fernlokal WM 2010-Spezial: Die Spielfeldschnitten über Frauen, Fußball und Foucault

Die Spielfeldschnitten bloggen über Fussball, Frauen und Konstruktionen. Ein Interview.

Mit ihrem Blog für Frauenfußball-Kultur wollen die Spielfeldschnitten Mayte und Rosa eine Gegenöffentlichkeit abseits des klassischen medialen Diskurses schaffen: „Wir bieten messerscharfe Analysen zu allen Länderspielen, wir sind die kulturwissenschaftliche Stimme in der Stille des Blätterwaldes, wir sind das Theater, das um den Frauenfußball aufzuführen ist, wir wollen die Welt verändern.“ Ein Interview über ein diskriminierendes Sahnetörtchen, biertrinkende Fußballfans und Bananenflanken, den ewigen Vergleich von Männern und Frauen, die größten Probleme des Frauenfußballs, was es bedeutet, wie ein Mädchen zu spielen und was von der WM der Frauen 2011 zu erwarten ist.

Wie kam es zum Spielfeldschnitten-Projekt?
Im Jahr 2008, zur Europameisterschaft der Fußballmänner war das Land voll auf Fußball-Kommerz ausgerichtet – wie ja seit dem Sommermärchen eigentlich immer. Eine große Bäckereikette warb mit einer Alternative zu Bier in Plastikbechern: dem Sahnetörtchen namens Spielfeldschnitte. Als wir nach einem Namen für unser Projekt suchten, das ja gerade zum Ziel hat, Beleidigungen und Diskriminierungen zu erkennen sowie sie humorvoll zu entlarven, kam uns diese Schnitte gerade recht. Unser Header auf dem Blog war zunächst das Originalbild, doch kam es zu rechtlichen Schwierigkeiten mit selbiger Bäckereikette. Also mussten wir selbst zum Backlöffel greifen.

Wer steckt hinter dem Projekt Spielfeldschnitte? Und was macht Ihr außer bloggen?
Hinter dem Projekt Spielfeldschnitte stehen Rosa und Mayte. Außer bloggen forschen wir künstlerisch und wissenschaftlich im Bereich Theater.

Die Spielfeldschnitten: Mayte und Rosa

Die Spielfeldschnitten: Mayte und Rosa

 Verfolgen die Spielfeldschnitten eine Mission?
Der Blog entstand damals aus einer Unzufriedenheit über das Angebot zum Frauenfußball im Netz. Kaum aktuelle Informationen, wenig Seriösität, es dominiert(e) die ehrenamtlich designte Fanpage. Irgendwann wurde uns bewusst, dass all der private Frust solange unproduktiv und arrogant war, in dem wir unserer Position in diesem Diskurs nicht Ausdruck verleihen würden. Nimmt man Michel Foucault, den großen Diskurstheoretiker ernst, dann muss man sich erstmal seiner Teilhabe am Diskurs gewahr werden, um dann in einen kreativen und möglicherweise subversiven Umgang mit ihm zu treten. Wir haben also versucht, unsere Position ernst zu nehmen und im Netz selbst eine alternative Position, Informationsbasis und Schnittstelle zu schaffen. Es ging uns dabei von Anfang an auch um eine Kritik der Darstellung von Frauenfußball von Seiten des DFB und in den Medien. Da das „offizielle“ Sprechen und Zeigen über Frauenfußball einen maßgeblichen Anteil daran hat, was der Frauenfußball ist, ist es uns wichtig diese Mechanismen aufzuzeigen und zu kommentieren.

Wie sieht die Fußballblogwelt aus – seid Ihr da als Frauen eher seltene Exemplare?
Auch wenn wir keine handfesten Zahlen vorlegen könnten, das ist unser subjektives Gefühl. Über Männerfußball schreiben und berichten zu fast 100% Männer. Aber auch unter denjenigen, die über den Frauenfußball sprechen (dürfen) gibt es wesentlich mehr Männer als Frauen. Es gibt ja auch in der „professionellen“ Medienwelt sehr wenige Journalistinnen oder Kommentatorinnen.

Was prädestiniert euch dafür, über Fußball zu bloggen? Habt ihr auch praktische Erfahrung auf dem Platz?

Unsere Bezüge zum (Frauen)Fußball und unser Gefühl, weshalb wir es wichtig finden, dazu etwas beizutragen, sind durchaus unterschiedlich. Rosa hat praktische Erfahrung, lange im Verein gespielt und sogar kurz in der Bundesliga. Mayte kann nur Bananenflanken schießen, hatte in ihrer Jugend große Abneigung gegen grölende, biertrinkende Fußballfans und daher Berührungsängste mit Fußball an sich. Der Frauenfußball hat ihr die Tür geöffnet für die Komplexität dieses Mannschaftssports.
Gemeinsam ist uns die Lust am Schauen und Diskutieren. Prädestiniert, wenn man das so nennen will, sind wir vielleicht deswegen für das, was wir tun, weil wir uns nicht (nur) von emotionalen Affekten hinwegraffen lassen, sondern genauso Spaß an der kulturwissenschaftlichen Analyse haben wie an dem Erleben selbst. Interessanterweise haben Theater und Sport ja durchaus historisch einige interessante Verbindungslinien aufzuweisen. Man denke da nur an die Architektur griechischer Amphitheater und der heutiger Stadien.
Was ist das größte Problem des Frauenfußballs?
Wahrscheinlich ist das größte Problem, dass alle immer denken es gäbe ein Problem. Egal wer in welchem Kontext über den Frauenfußball spricht, artikuliert Schwächen oder Vergleiche. Wir machen das auch – viel zu oft? Vergleicht man Männer- und Frauenfußball, kommt man nicht umhin zu attestieren, dass es im Frauenfußball an vielem mangelt: Geld, Anerkennung, Struktur, medialer Resonanz,… Aber wenn man in diese Argumentation eintritt, kann man sich eigentlich die ganze Zeit nur als Opfer fühlen und wie ein solches aufführen.
 
Und der Ausweg?
Viele fordern inzwischen, Frauenfußball eher als eigenständige Sportart zu betrachten. Doch spricht man über Besonderheiten, so grenzt man sich meist wiederum vom Männerfußball ab. Die Medien möchten die Abwesenheit radikaler Fangruppierungen markieren, Hans Ulrich Gumbrecht zum Beispiel spricht in einem Interview mit uns davon, dass Frauenfußball kreativer wäre. Das Problem des Frauenfußballs ist vielleicht am deutlichsten, dass Männerfußball in Deutschland historisch und kulturell eine so große und wichtige Rolle spielt, die nationale und männliche Identität verknüpft. Man denke nur an das Wunder von Bern. Irgendwie scheinen Frauen für solch eine Narration eine Bedrohung zu sein. Interessant wird an solchen Stellen immer der Vergleich zu anderen Ländern und Sportarten, zum Beispiel in den USA, wo Fußball zuallererst mit Frauen in Verbindung gebracht wird und wo es im American Football gar keine Geschlechtertrennung gibt.
Wie bewerter Ihr die Entwicklung des Frauenfußballs in den letzten zehn Jahren?
Sehr positiv. Alles hat sich gesteigert. Das Niveau ist besser, die Förderung ist höher, die Aufmerksamkeit ist größer. Mehr Mädchen trauen sich, Fußball zu spielen. Aber die Entwicklung macht auch Angst. Frauenfußball schien eine Zeit lang jenseits des Marktes vor sich hin zu vegitieren. Wird man Teil des Marktes, konstituieren sich Machtfelder, die man leider im Vorfeld kaum überblicken kann. Und innerhalb dieser Felder werden dann viele Weichen gestellt. Was da passiert, erkennt man meist erst hinterher.
„Im Abseits“ ist eure Interview-Rubrik. Wer hat euch bisher die überraschendesten Erkenntnisse zum Frauenfußball geliefert?
Das Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht war für uns sehr inspirierend. Insbesondere als das er den Diskurs mal wieder auf den Boden der Tatsachen geholt hat, nämlich, dass man ins Stadion geht und sich ein Spiel anschaut. Das war sehr erfrischend in mitten all der Kinkerlitzchen über Gleichberechtigungsfragen (die wir übrigens damit trotzdem nicht ad acta legen. Aber das wäre wahrscheinlich auch gar nicht in Gumbrechts Sinne).
Doch nochmals zu einem alten (Vor-)Urteil: Frauenfußball soll langsamer sein als Männerfußball – liegt es daran, dass die Frauen schlicht aufholen müssen, wie die Männer, die ja vor ein paar Jahren auch viel weniger gesprintet sind?
Unsere persönliche Analyse zeigt, das liegt zu einem hohen Prozentsatz an der Kameraführung der Live-Übertragungen, die noch lange nicht so dynamisch ist wie die der Männer – aufgrund der Menge der Kameras und der Schnitte. Die Kameras sind auch auf Grund der Größe der Stadien nie so weit entfernt wie im Männerfußball. Zweitens hat das damit zu tun, dass Männerfußball inzwischen insgesamt so athletisch ist, wie es die Frauen mit ihrer Doppelbelastung aus Beruf und Fußballerdasein einfach zeitlich nie erreichen können. Schließlich und endlich muss man sich fragen, ist diese Frage wichtig? In keiner anderen Sportart kennen wir dieses Vorurteil als Begründung dafür, sie nicht spannend zu finden: Judo, Rudern, Fechten, Handball, Basketball, Reiten…
Was sind denn sonst die fiestesten Vorurteile, mit denen der Frauenfußball konfrontiert ist?
Das sind zwei: „Du spielst wie ein Mädchen“ und „Alle Frauenfußballerinnen sind Lesben“. „Du spielst wie ein Mädchen“ bedeutet, dass Mädchen schlechter sind. So etwas versteht jedes Kind. Warum? Vielleicht kommen in der Kindersprache die Vorurteile unserer Gesellschaft am deutlichsten zur Sprache. Das Problem fängt in dem Moment an, wo ich „Mädchen“ nicht mehr als Beleidigung für jemanden verstehe, der schlecht spielt, sondern diesen Begriff verknüpfe mit einer Identitätszugehörigkeit, in der dann noch im schlechtesten Falle Mädchen denken, sie wäre keine Mädchen, wenn sie nicht wie Mädchen = schlecht spielen. Dies führt zu Beispiel 2: „Alle Frauenfußballerinnen sind Lesben.“ Mal ehrlich, was soll das bedeuten? Frauen, die einen deutlich männlich konnotierten Bereich für sich beanspruchen, sagen doch noch lange nichts über ihre Begehrensstrukturen aus. Im Gegenteil drücken sie doch eher gesellschaftliche Ansprüche aus, die Männer schon jahrzehntelang behaupten und keinesfalls für nichtig oder lächerlich erachten. Schlimm natürlich auch, das Wort „Lesbe“ abwertend in Szene zu setzen. Wir haben in dem Zusammenhang oft darüber nachgedacht und geschrieben, wie viel erotischer und begehrlicher die Atmosphäre zwischen männlichen Spielern und ihren männlichen Zuschauern im Stadion ist, als beim Frauenfußball. Aber die „Lesbe“ hier negativ in Szene zu setzen, um von sich selbst abzulenken, erscheint uns doch etwas zu offensichtlich, als hier länger darauf einzugehen. Es ist schade, dass sich wenig getraut wird, auch mal andere Protagonisten ins Bild zu setzen. So bekommen wir schon seit Jahrhunderten dasselbe serviert.
Wer sind für euch momentan die spannendsten Spielerinnen und wieso?
Birgit Prinz ist ja schon lange eine spannende Spielerin, wird für uns aber nochmal umso spannender, als das sie ihre letzte WM 2011 spielen wird. Wir haben sie und ihre Rolle auch noch nicht durchschauen können. An Birgit Prinz finden wir nicht ihr Privatleben spannend oder ihre politischen Ansichten oder ihren Geschmack, sondern mehr, was sie für einen Einfluss auf das taktische Spiel des Frauenfußballs hat, wie sie das mediale Bild beeinflusst und was sie für eine Vorbildfunktion für junge Spielerinnen hat. Wir glauben Birgit Prinz ist die erste ihrer Art und wir sind noch auf der Suche danach, welcher Art.
Und sonst?
In zweiter Reihe tauchen noch einige andere auf, die es uns besonders angetan haben: Linda Bresonik, die leider im Positionspogo immer wieder hinter ihren Möglichkeiten bleibt. Melanie Behringer, die auch weniger ein Typ für die Medien zu sein scheint und trotzdem eine unglaubliche Präsenz auf dem Platz hat. Nadine Angerer natürlich auch.
Könnt Ihr euch auch auf einen Lieblingsverein einigen?
Wir fiebern weniger für einen bestimmten Klub, als eher für spezielle Spielerinnen und generell für die Frauen-Nationalmannschaft. Da wir gerade in Hamburg wohnen, sehen wir öfter Spiele der HSV-Frauen, bei denen wir Janina Haye und Kim Kulig zur Zeit spannende Spielerinnen finden. Und wir freuen uns da auch über jede spannende Gegnerin.
Und was erwartet Ihr von der WM der Frauen 2011 in Deutschland?
Wir erhoffen uns viele Menschen, die Lust bekommen Frauenfußball zu schauen und die leidigen Diskrimierungen rund um den Frauenfußball endlich ad acta zu legen. Die WM 2011 wird die nachkommende Frauenfußball-Generation prägen. Am meisten hoffen wir aber, dass es vielfältige Protagonistinnen geben wird. Frauenfußball ist für uns immer noch ein Feld, auf dem es nicht nur Anja Mittags mit schwarz-rot-goldenen Fingernägeln gibt. Es wäre schön, wenn das so bleibt.
Was muss passieren, damit Frauenfußball anerkannter wird?
Wir empfehlen dafür die Lektüre von 11Freundinnen, Heft 02, in der sich dazu ausführlich von Seiten der Expertinnen geäußert wird. Wir persönlich, von unserer Position aus, empfehlen: Mehr Seriösität, mehr Humor.
(sop)
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2 Responses

  1. Geil wurde auch Zeit xD

    Übrigens: Ich denke ARGENTINIEN wird kein Problem – und sonst beim gemütlichen in der Sonne stehen und Fußball gucken, wäre eine Niederlage auch nicht der Weltuntergang – Immerhin Viertelfinale!!

    Ich schreibe übrigens auch an einem Blog über die WM -Wenn Du möchtest, schau mal vorbei.

    http://www.blognewz.de

    Danke & LG,

    Der Fußball – Fan

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