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Kurt Kister und die deutsche Mitte

Zufällig fällt mir eine alte Wochenend-Beilage der Süddeutschen in die Hände. Eigentlich will ich schnell überfliegen, aber nun hänge ich auf Seite Zwei fest. Kurt Kister philosophiert über „Deutschen Alltag“.

Der künftige SZ-Chefredakteur schreibt die Kolumne auf Seite Zwei. Er lässt sich diesmal über die Mitte im Allgemeinen und im Speziellen der Politik, der lokalen Infrastruktur und Wirtschaft aus. Und was es für unsere Gesellschaft zu bedeuten habe, dass es eben nichts Wichtiges oder Richtiges mehr in der (Orts)Mitte gäbe.

Eigentlich ganz netter Gedankengang, fein aneinander gereiht. Alltäglichkeiten vor Augen geführt, sodass der Leser sagt: „Stimmt, jaja genau, nicht mal mehr echte Briefmarken gibt es noch.“

Aber dann dieses Ende: „Früher war es am Monatsanfang so: Man ging mit der Oma auf die Post, wo sie sie die Rente abholte. Dann durfte man sich einen Elastolin-Indianer kaufen oder ein Modellauto. Die Post war gut, weil sie der Oma Geld gab und dem Kind Indianer, zumindest mittelbar. Aber das sind nur blöde Gefühle.“

Ja, früher war sowieso alles besser. Und dieser irgendwie nicht glückende Versuch, Gefühle zu zeigen. Und diese ungewohnte Sprache, die so gar nicht zu den sonst gern mit Lateinphrasen gespickten Formulierungen à la „medias mediatis“ im oberen Textabschnitt passt.

Das Ende ist das eigentlich Interessante an diesem Text, denn es offenbart mehr über die Zeitung, als dem Autor lieb ist: Die SZ ist noch immer ein Hort alternder Männer. Gut, Kister schreibt im vorderen Textteil „wer schon etwas älter ist, der weiß“… Es mag eine Menge Leser geben, die sich mit dieser Kohorte identifizieren. Aber die jüngeren, und durchaus wichtigen Leser, im Printjournalismus eine schwer zu haltende Zielgruppe kann mit diesen Beschreibungen nicht viel anfangen. Nicht mehr machen, als gelangweilt abzuwinken. Oma holte die Rente von der Post? Meine hatte Aktien bei einem Telefonanbieter, trotz ihrer Arbeiterherkunft. Indianer habe ich in der Post auch nie gesehen. Sollte ich meine Mutter anrufen?

Nein. Ich, nicht sie, lese den Beitrag.

Doch dann denke ich: Im Alter muss jung schreiben auch erst gelernt werden. Und: die Mitte des Textes war okay. Um die Mitte ging es ja auch. Und die Wochenendbeilage liegt eh immer ganz hinten.

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