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Argentinisches Wanderkino: Unterwegs auf staubigen Straßen

Flüchtige Filme für Dörfer, Gefängnisse oder Schulen: Das Cine Móvil bringt Kino bis in die letzten Winkel Argentiniens – und ist auch durch Deutschland gereist.

Die Befürchtung vieler Häftlinge, dass die Zeit nach dem Gefängnis schlimmer sein könnte als die Zeit darin, ist universell. Auch die Insassen der Justizvollzugsanstalten in Berlin, Hamburg oder Rottenburg stellten Gemeinsamkeiten mit dem Argentinier aus Un Oso Rojo, Der rote Bär, fest. Nach seiner Entlassung wird der Protagonist des Films von Adrián Caetano mit seiner zerrütteten Ehe konfrontiert, trifft auf gesellschaftliche Vorurteile und strauchelt bei der Rückkehr in den Alltag.

Parallelen zur deutschen Lebenswirklichkeit lassen sich in allen 14 Filmen entdecken, die das argentinische Wanderkino Cine Móvil aus der Provinz Córdoba bei seiner sechswöchigen Deutschlandreise gezeigt hat – es ging um Migration und die Spätfolgen von Diktatur, Zukunftsperspektiven für Jugendliche oder um die Wirtschaftskrise.


Im September und Oktober hat das Cine Móvil-Team insgesamt 6000 Kilometer quer durch Deutschland zurückgelegt und durch die nationalen Filme, aber auch durch die spezielle Art der Präsentation argentinische Kultur zu Gefängnissen, Kulturinstituten, Schulen und kleinen, kinofreien Orten transportiert.

Auch das Kinosterben ist eine deutsch-argentische Gemeinsamkeit. „Unterwegs sind wir an einigen leerstehenden Kinos vorbeigekommen“, sagt die deutsche Journalistin und Filmemacherin Ute Schneider, die in Córdoba lebt und die Deutschlandtour des Wanderkinos mitorganisiert hat. Die Zahl der Kinos in Deutschland ist der Filmförderungsanstalt zufolge 2009 zum fünften Mal in Folge gesunken. 170 Kinos schlossen allein im vergangenen Jahr, so dass die Zahl der Kino-Städte erstmals unter 1000 sank.

Kultur für alle

Ein Auto, Leinwand, Projektor, Lautsprecher und DVDs – das Cine Móvil ist Kino in seiner simpelsten und auch ursprünglichsten Form. In Europa zogen Ende des 19. Jahrhunderts Hunderte von Wanderkinos umher und zeigten ihr Programm in Städten und auf dem Land, in Deutschland bespielten 1904 fast 500 mobile Vorführer das cineastisch interessierte Publikum. Erst als sich Kinos immer mehr als Institution etablierten, geriet die mobile Variante in Vergessenheit.

In Argentinien sind seit dem Kinosterben der neunziger Jahre etwa 80 Prozent des großen Landes kinofrei, ein Großteil der Bevölkerung und des kulturellen Angebots sind in der Hauptstadt Buenos Aires konzentriert. Das staatlich geförderte Wanderkino gleicht seit 1997 das eingeschränkte Kulturangebot in den 24 Provinzen aus. Nach dem Prinzip „cultura para todos“, „Kultur für alle“ ist das Wanderkino ein Gratis-Angebot.

„Argentinien sieht es als Bürgerrecht an, an Kultur teilzuhaben“, sagt Schneider, die für ihren Dokumentarfilm Cine Móviles – la road movie argentina verschiedene Teams durch die Provinzen Córdoba, Jujuy, Buenos Aires und Patagonien begleitet hat. „Auf dem Land ist das Wanderkino teilweise das einzige, was ein bisschen Kultur in die Dörfer bringt.“

Film als Fluchtpunkt

In Argentinien herrschen schroffe Gegensätze zwischen Stadt und Land, die Armut ist in vielen Gebieten fernab von Buenos Aires groß. Auf ihrer Reise mit dem Kino hat Schneider teils heruntergekommene Orte kennengelernt, auf denen man nur auf staubigen Wegen gelangt, Dörfer, die weder ans Stromnetz angeschlossen sind, noch eine mediale Infrastruktur haben. Schneider hat im weitgestreckten Patagonien Mapuche-Kinder getroffen, die zu zwölft in einer kleinen Schule unterrichtet wurden und teilweise nicht einmal Schuhe besitzen.

Wenn das mobile Kino anrollt, sehen manche Kinder und Erwachsene den ersten Film in ihrem Leben – einige erschrecken, wenn sie die flüchtigen Bilder auf der Leinwand sehen. Für die meisten ist das Wanderkino aber ein Höhepunkt, das an jedem Ort etwa ein- bis zweimal jährlich vorbeigefahren kommt. Das Publikum entscheidet dann, welche Filme es sehen möchte, oft wird auch gemeinsam gegessen. „In Deutschland gibt es ein relativ festes Zeitkorsett, in Argentinien ist das lockerer“, sagt Gustavo Drincovich, der Cine Móvil-Projektleiter der Provinz Córdoba.

Der frühere Theaterschauspieler und -regisseur will mehr als Filme zeigen. Er führt auch Filmprojekte mit Jugendlichen durch und erklärt den Zuschauern, wie Filme konstruiert worden sind. „Wir wollen einen Raum eröffnen, um über die Realität nachzudenken“, sagt Drinkovich. Das Wichtigste am Film ist für ihn die Diskussion danach.

Die Verschwundenen

Ein Thema, das bis heute Archillesferse der argentinischen Gesellschaft ist, ist die Militärdiktatur von 1976 bis 1983, während der etwa 30.000 Menschen entführt, gefoltert und ermordet wurden – einige der Verantwortlichen stehen derzeit in Buenos Aires und in Córdoba vor Gericht. Die Bereitschaft, über dieses dunkle Kapital der argentinischen Geschichte zu debattieren, ist Drinkovich zufolge sehr unterschiedlich – je nachdem, wie konservativ das Publikum sei.

Bei der Deutschlandreise hat das Wanderkino aus Córdoba auch Hermanas, Schwestern, gezeigt. Der Film von Julia Solomonoff vermittelt, wie die Verbrechen und die Schicksale der verschwundenen Diktaturopfer sich bis in die Familien, bis in die Gegenwart fräsen. Während die ältere Schwester Elena versucht, die Vergangenheit in einer anonymen Vorstadt in den USA zu verdrängen, sucht die Jüngere, Natalia, nach dem Verräter ihres damaligen Freundes – der von den Militärs ermordet worden ist. Am Ende stellt sich heraus, dass ihre ältere Schwester das Versteck des Studenten verraten hat – um den Vater der beiden Schwestern zu retten.

Der Film legt Handlungsmechanismen offen, er stellt sich auf keine Seite, urteilt nicht – das bleibt dem Publikum überlassen. Auch in Deutschland wurde die Projektionsfläche höchst unterschiedlich interpretiert. In Westdeutschland hätten die Menschen danach über den Nationalsozialismus diskutiert, sagt Ute Schneider. In Ostdeutschland seien den Zuschauern eher Situationen aus der DDR-Zeit eingefallen.

(sop)

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