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Georgien: Klassenzimmer als Genderlabor

Genderbelange in Georgien – kein Problem? Khatuna Samnidze wollte mit einem Essay-Wettbewerb die Stimmen der jungen Generation sichten. Doch das Ergebnis fiel enttäuschend aus.

Die Visionen und Gedanken der jungen Generation wollte Khatuna Samnidze mit einem Essay-Wettbewerb zu Gender einfangen. „Eine Art indirekter Reasearch sollte das sein“, sagt die Projektkoordinatorin der Heinrich-Böll-Stiftung Tiflis. „Wir wollten wissen, welche Beziehungen Studenten und Studentinnen zu Gender haben, um darüber nachzudenken, welche Folgeprojekte sinnvoll sind.“

An fünfzehn privaten und staatlichen Universitäten in Tiflis hatten sie den Wettbewerb ausgeschrieben, sowie im Internet. Das Ergebnis fand Samnidze enttäuschend, nur 50 BewerberInnen hatten Texte eingesandt. Auch inhaltlich zeigte sich Aufklärungsbedarf. „Das Bewusstsein für Gender ist selbst an Universitäten sehr gering“, sagt sie. In ländlichen Regionen dürften die Wissenslücken dann noch dramatischer sein. Eine Geschlechtersensibilität existiere in Georgien vor allem auf dem Papier, sobald man unter die Oberfläche gehe, sehe es problematisch aus. Eine Studie hätte etwa ergeben, dass die Mehrheit der Frauen häusliche Gewalt als ihr persönliches Problem sehen, viele glauben auch, wenn eine Frau von ihrem Mann geschlagen werde, habe sie es verdient.

Besuch aus Georgien: Kathuna Samnidze (links) und Kvara Guledani

Besuch aus Georgien: Kathuna Samnidze (links) und Kvara Guledani

Obwohl der Essay-Wettbewerb thematisch offen angelegt war, setzten sich 80 Prozent der Einsendungen nur mit dem Aspekt der gesellschaftlichen Stereotypen auseinander. Viele BewerberInnen waren pessimistisch, dass Gleichheit je erreicht werden könnte – und sahen Ungleichheit dabei vor allem als ein Problem, dass nur die Frauen betrifft. Und manchen war unklar, was Gender überhaupt ist. NGOs in Georgien sind Samnidze zufolge nur auf Erwachsene fokussiert, die Informationen würden zudem Menschen erreichen, die sowieso schon über Genderaspekte diskutieren. An Schulen und Universitäten passiere nicht viel.

Erst Input, dann Output

„Schon das Klassenzimmer ist ein Labor für stereotype Identitätsbildung“, sagt Kvara Guledani, 22, die den Essay-Wettbewerb gewonnen hat und Samnidze deswegen nach Berlin zur GWI-Konferenz begleiten durfte. Guledani, die Kulturwissenschaften studiert, hat in ihrem Essay ausgewertet, welche Wirkung die anerzogenen Geschlechterrollen auf die Wahl der Studienfächer haben – an den sozialwissenschaftlichen Fakultäten sind nur 17 Prozent Männer, in wissenschaftlichen Fächern sind nur 20 Prozent Studentinnen immatrikuliert.

Lehrer und Lehrerinnen würden die traditionellen Einstellungen schon vorleben. Samnidze zufolge achten die Lehrerinnen zum Beispiel viel mehr auf die Jungen und fördern diese, da Frauen in Georgien traditionell darauf ausgerichtet seien, Männer zu stärken. „Wir sehen Frauen nicht als Frauen, sondern als Mütter“, sagt sie.

Der Essay-Wettbewerb soll zwar nicht wiederholt werden, die Erkentnisse haben trotzdem etwas genutzt: Im nächsten Jahr möchte Khatuna Samnidze in zwei oder drei Regionen Projekte anbieten, intensiv mit jungen Leuten arbeiten und sie durch Informationen, Lectures und Trainings für Gender sensibilisieren. „Erst Input, dann Output“, sagt Samnidze.

(sop)

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