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Bunte Entwürfe für die Zukunft

Bei „La Silhouette“ gestalten junge Migrantinnen Mode – und ihr Leben. Jetzt hat das Atelier den Bayerischen Integrationspreis gewonnen.

Knapp 50 Betriebe hat Marlen abgeklappert, vier pro Tag. Auf schriftliche Bewerbungen hatte die Irakerin nur Absagen erhalten, deshalb lief sie durch München, von Laden zu Laden, um nach einer Ausbildung zur Friseuse, Schneiderin oder Verkäuferin zu fragen. Marlen konnte nach ihrem Hauptschulabschluss einfach keine Arbeit finden und musste als Ein-Euro-Jobberin Vogelfiguren und Engel aus Holz herstellen oder Möbel schleppen. Ein älterer Mann in einer Änderungsschneiderei machte sie bei ihrer Tour durch München auf „La Silhouette“ aufmerksam, eine kleine Maßschneiderei in München-Haidhausen.

Jetzt ist Marlen eine von 19 jungen Frauen aus Ländern wie Somalia, Nigeria, Irak, Afghanistan, Türkei oder Äthiopien, die in dem Mode-Atelier eine Ausbildung zur Damenschneiderin machen. Die 21-Jährige ist mittlerweile im zweiten Lehrjahr und hat vor kurzem ihre Zwischenprüfung bestanden. Sie liebt es, mit Mode, Farben und Stoffen zu arbeiten – vor allem aber hat sie endlich eine berufliche Perspektive.

Marlen beim Schneidern

Marlen beim Schneidern

Wie für Marlen ist die Suche nach einem Ausbildungsplatz für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund problematisch. Mangelnde Schulabschlüsse und Sprachkenntnisse erschweren oft den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Migranten haben deutlich schlechtere Bildungs- und Berufschancen als deutsche Gleichaltrige, wie der Migrationsbericht der Bundesregierung belegt. 17 Monate müssen sie im Durchschnitt nach einer Lehrstelle suchen – 14 Monate länger als deutsche Jugendliche. Viele sind froh, wenn sie irgendeine Ausbildung finden – das Universum der Modedesigner scheint unerreichbar.Bei „La Silhouette“ erhalten aber gerade junge Frauen mit schlechtem oder ohne Schulabschluss eine Chance.

Der Ausbildungsbetrieb wählt die angehenden Schneiderinnen nach „sozialer Dringlichkeit“ aus: Junge Frauen mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge oder Deutsche mit „Kurven“ im Lebenslauf. Für die Leiterin und Sozialpädagogin Barbara Hemauer-Volk ist Mode vor allem ein Mittel, das es den Mädchen ermöglicht, ihre Zukunft zu gestalten: Sie können ihre Kreativität entdecken, sehen schnell Erfolge, bilden sich weiter, entwickeln Selbstbewusstsein und lernen sich durch die Auseinandersetzung mit sich und den anderen zu behaupten.

Stich für Stich

Barbara Hemauer-Volks Schreibtisch ist von Papier geflutet, darunter 60 Bewerbungen auf nur fünf Ausbildungsplätze. Für sie ist es „ein Alptraum“, zu entscheiden, wer die Chance am dringendsten braucht. 1987 wurden die ersten Auszubildenden im Atelier unter Vertrag genommen. Barbara Hemauer-Volk arbeitete in einem großen Münchner Jugendheim. Immer wieder kamen türkische Mädchen zu ihr, die keine Lehrstelle finden konnten – auch bei guten Noten. Mit Unterstützung des Arbeitskreis Ausländerfragen, der sich vor allem auf die Beratung türkischer Arbeitsmigranten spezialisiert hatte, konnte sie schließlich einen Ausbildungsbetrieb eröffnen – eine türkische Schneiderei verwandelte sich in das Mode-Atelier „La Silhouette“.

Jeden Morgen um halb neun treffen sich Marlen, die anderen Azubis, Barbara Hemauer-Volk und die Meisterinnen in der kleinen Küche mit den knallgrünen Wänden, um den Tag zu besprechen und sich auszutauschen. Auf der grünen Tafel stehen Aufgaben wie „Modeschau vorbereiten“, „Aufräumen“ oder „Für die Zwischenprüfung lernen“. Dann rattern die Nähmaschinen in dem schmalen, langen Zimmer, in dem die Auszubildenden schneidern, begleitet von Stimmengewirr und Pop-Musik aus dem Radio. Stich für Stich entstehen hier Stücke, in die oft unterschiedliche kulturelle Einflüsse eingewoben sind.

An den Wänden hängen unzählige bunte Fadenrollen, Collagen aus Zeitschriften und ein eleganter Hut aus einem Gebetsteppich. Fünf Meisterinnen kreieren mit den Auszubildenden eigene Kollektionen oder fertigen Einzelstücke für Kunden an. Manchmal muss Barbara Hemauer-Volk die Mädchen provozieren, ihre Lernbereitschaft herausfordern., wie vor vier Jahren, als sie Kleider aus Müll hergestellten. „Wenn du aus einem Township in Südafrika kommst und nur noch Abendkleider entwerfen willst, bist du beleidigt, wenn du ein Oberteil aus Kaffeefiltern machen sollst.“ Barbara Hemauer-Volk legt Wert darauf, den jungen Frauen, die meist wenig Geld haben, beizubringen, aus wenig viel machen und darauf stolz zu sein.

Große Auftritte

Große Auftritte

Kundenaufträge dauern manchmal etwas länger, denn auch Angelegenheiten wie Wohnungssuche, Formalitäten beim Jugendamt oder anderen Behörden und die Vorbereitung auf die Berufsschule müssen erledigt werden. Lernen ist für viele Auszubildende ein Kampf. Für manche bedeutete Schule bisher vor allem Misserfolg, teils haben sie keine reguläre Schulbildung erhalten. Auch Marlen näht lieber „als Blätter auszufüllen“ – denn Mode funktioniert auch ohne Sprache. Wenn sie besser Deutsch könnte, meint sie, wäre alles einfacher. Ab und zu verzweifelt sie fast, die Unterstützung von ihrer Familie und von den anderen jungen Frauen bei „La Silhouette“ würden ihr aber helfen, durchzuhalten.

Mode ist für alle da

Nuray gibt den Auszubildenden Nachhilfe in Fächern wie Mathematik, bespricht den Lernstoff, erklärt fremde Wörter oder bringt ihnen die Kreisberechnung bei, indem sie ein Stück Stoff in Falten legt. Von Nuray können die Auszubildenden Hilfe annehmen – sie weiß, wie es sich anfühlt, nichts zu verstehen. Die 25-Jährige ist in der Türkei geboren worden, als Teil der kurdischen Minderheit. Mit 12 Jahren kam sie nach Deutschland, sieben Jahre nach ihrem Vater, der hier Arbeit in einer Bäckerei gefunden hatte. Zwei Jahre später folgten ihre Mutter und Schwester. In einer Übergangsklasse lernte sie Deutsch, nach einem Jahr wurde sie in eine achte Hauptschulklasse eingeschult – eine „Katastrophe“.

Sie verstand den bayerischen Dialekt des Lehrers nicht, kassierte schlechte Noten, war völlig eingeschüchtert und schaltete ab. 2000 fand Nuray einen Ausbildungsplatz – bei „La Silhouette“. Mode war nie ihr Lebenstraum, sie konnte häkeln und stricken, eine Nähmaschine hatte sie nie bedient. Schrecklich fand sie am Anfang die Modenschauen – der Laufsteg schien ihr für die schlanken, großen Frauen reserviert. Heute findet sie: Mode ist für alle da. „Durch Mode zeigst du deine eigenen Gefühle und wie du leben willst“, sagt Nuray. „Hier geht es nicht um Schönheit.“ Sie ist selbstständiger geworden, hat keine Zukunftsängste mehr. Seit Ende letzten Jahres ist Nuray selbst Meisterin und als Assistentin von Barbara Hemauer-Volk fest bei „La Silhouette“ angestellt.

Entwürfe für die Zukunft

Entwürfe für die Zukunft

Ehemalige Auszubildende wie Nuray führen den Lehrlingen vor, dass sie es schaffen und ihre Zukunft selbst gestalten können. 123 junge Frauen haben Barbara Hemauer-Volk und ihr Team mittlerweile durch die Abschlussprüfung gebracht, keine einzige hat abgebrochen. Nach der Ausbildung bei „La Silhouette“ können die Damenschneiderinnen sogar die Meisterschule, ein Modedesignstudium oder eine Ausbildung zur Schnittmeisterin anschließen. Doch viele steigen sofort in den Beruf ein, um endlich Geld zu verdienen, arbeiten als Mode-Verkäuferin, in Betrieben der Mode-Industrie oder gestalten Bühnenausstattungen für Theater und Opernhäuser. Marlen kann sich vorstellen, nach der Ausbildung Modedesign zu studieren. Sie würde gerne so berühmt werden wie ihr Vorbild Giorgio Armani: „Es ist der Traum jeden Designers, dass Stars deine Kleider tragen, und die Menschen schön finden, was du machst.“

(sop)

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