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Online-Magazin für kulturelle Korrespondenzen und Kontraste

Reeperbahn und Buddhismus

Der Bericht der alten Dame: M. über die Gestapo, Tel Aviv als Kleinstadt, Table Dancing und israelische Politik.

M. ist über 70 Jahre alt, trägt lange, platinblonde Haare, die auf dem Kopf kurzgeschnitten sind. Auf einer Terrasse in Haifa entwickelt sich eines Morgens ein Gespräch, das zu kleinen Einblicken in ihr bewegtes Leben führt. Wie sie als Dreijährige zusehen musste, wie ihre Mutter von Gestapomännern verprügelt wurde, wird M. nie vergessen. Sie habe es jetzt noch genau vor Augen. Wahrscheinlich hätte nur das Weinen des Kindes ein wenig Mitgefühl bei den Männern ausgelöst, sagt sie – sie ließen von der Mutter ab.

M. wurde in der Ukraine geboren, während dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich mit ihrer Familie bei Verwandten in Polen versteckt, einer ihrer Onkel war zum Katolizismus konvertiert, sah mit seinen blauen Augen und hellen Haaren sehr arisch aus. Ein fragiler Schutz, ständige Unsicherheit – der Rest ihrer Familie, bis auf die engsten Verwandten, sagt M., habe den Holocaust nicht überlebt.

Tel Aviv, 1953

Als 11 -jährige wanderte sie mit ihren Eltern nach Israel aus, damals, 1953 war Tel Aviv noch eine kleine Stadt. Das Leben in Tel Aviv sei auch ganz anders gewesen, sagt M., anfangs hätten die Menschen noch ein Gemeinschaftsgefühl gehabt, alle hätten sich nur mit Vornamen angesprochen.

Bei der Kommunistischen Jugendpartei sei sie übrigens auch gewesen und habe mit 16 Jahren Marx, Hegel und Co gelesen (und beginnt ausschweifend, die Grundzüge der Hegelschen Gedanken zu skizzieren). Die Idee der Zwei-Staaten-Lösung hätten sie damals schon debattiert – und wären dafür noch für verrückt erklärt worden. Von der Politik der amtierenden Regierung hält M. nicht viel („these rightwing bastards“), Avigdor Liebermann als Kanzler wäre für sie ein Auswanderungsgrund.

In Deutschland sei sie nur ein einziges Mal gewesen, als junge Frau beim Hitchhicken gen Schweden. Sie kannte sich dort gar nicht aus, als sie fragte, wo man sie herauslassen sollte, fiel ihr nur die Reeperbahn in Hamburg ein: „Vor diesem Ort hatten Bekannte mich immer wieder gewarnt“, sagt M. Als sie auf der Reeperbahn stand und einen Anschlag an einem Gebäude las, sprach der Türsteher sie an, ob sie eine Arbeit suche. Warum nicht, sagte sie – und arbeitete eine Woche als Hostess in einem Casino, bevor sie nach Norden weiterfuhr.

Die Unstetige

M. braucht die stetige Veränderung. In Israel hat sie schon in Tel Aviv und in Eilat gewohnt, nun will sie nach Haifa ziehen. Immer mehr Städtenahmen fallen im Gespräch: Drei Jahre hat sie in Indien gelebt (und erzählt vom inspirierenden Spiritualismus, aber auch vom Rassismus der Inder gegenüber schwarzer Haut und einer Bekannten, die beim Wasserholen oft angespuckt worden sei), in Los Angeles hat sie gemodelt, sich in Städten wie New York und Las Vegas ihren Lebensunterhalt durch Tabledancing verdient.

Es gibt einen Sohn, der bei allem mitgezogen wurde. Wechselnde Männer auch. Einmal habe sie gegen ihre Freiheit entschieden und es mit einem Mann versucht, den ihr Sohn mochte, den sie aber nicht liebte – natürlich habe es nicht funktioniert. Ein Jahr lang gab sie der schwierigen Beziehung, damit ihr Sohn ein Highschooljahr abschließen konnte – dann packte sie wieder die Koffer. Im Gegensatz zu ihr brauche ihr Sohn eben Stabilität – er lebe nun schon seit Jahren in den USA. Früher, sagt sie, habe er es auch mal als Hippie probiert. Aber, habe sie ihn dann ermahnt: „Hippie bedeutet mehr, als nur bunte Kleider zu tragen.“

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