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Frauen in Indien: Unerwünscht

Indien gilt als größte Demokratie und aufstrebender wirtschaftlicher und politischer Global Player. Doch die Situation vieler Frauen ist katastrophal.

Der Einblick in das Leben indischer Frauen ist erschütternd: In der zwölfminütigen Multimedia-Slideshow „Undesired“ zeigt der argentinische Photo-Journalist Walter Astrada, wie die Geburt eines Sohnes in vielen Fällen als einzige Daseinsberechtigung angesehen wird, Frauen als Belastung gelten und in jeder Lebensphase diskriminiert werden.

Wurden weibliche Babys in Indien früher oft direkt nach der Geburt erstickt, ertränkt, verbrannt oder vergiftet, addieren moderne Möglichkeiten wie Ultraschall nun eine Praxis hinzu, wie man sich der Tochter noch früher entledigen kann: Etwa 7.000 Mädchen werden den UN zufolge täglich abgetrieben. Geschlechtsabhängige Abtreibungen sind zwar inzwischen illegal, doch viele Ärzte beugen sich dem Wunsch der Eltern dennoch – und kassieren das Geld.Doch auch Mädchen, die die erste Hürde genommen haben, erwartet nicht unbedingt ein leichtes Leben: Denn das Aufziehen einer Frau ist einer alten Weisheit zufolge wie das Gießen einer Pflanze, die dem Nachbarn gehört. In Bildung oder Gesundheit wird oftmals nur für den Sohn investiert, der als Versorger und späterer Anwärter auf eine Karriere gilt.

Mädchen werden im Haushalt ausgenutzt und auch mit Gewalteinsatz gefügig gemacht – die Möglichkeit, sich zu entwickeln, weiterzubilden, der Situation zu entkommen, bleibt vielen verwehrt. Bei der Hochzeit wird traditionell die Familie eines Sohnes belohnt, die Eltern der Frau bestraft: Sie müssen den Schwiegereltern eine hohe Mitgift zahlen. Die Tradition des Brautgeldes ist zwar seit Jahrzehnten auf dem Papier verboten, wird aber immer noch durchgeführt. Und die Preise steigen – und damit der Druck auf Mädchen-Eltern oder werdende Mütter, die ein Mädchen erwarten.

Mord bei Zahlungsverzug

Wie in dem Multimediastück von Astrada gezeigt wird, greifen Schwiegereltern auch zu rabiaten Methoden wie Mord, wenn die Familie der Frau das Brautgeld nicht aufbringen kann. Falls zu wenig oder unpünktlich bezahlt wurde, ist es teils üblich, die Schwiegertochter mit Benzin zu überschütten und anzuzünden.

Doch auch die Ehe bietet, wenn überhaupt, eine zweifelhafte Sicherheit: Wenn der Ehemann stirbt, wird die Witwe oft ausgesetzt, muss betteln oder sich in ein Frauenhaus flüchten – das für die psychisch und physisch missbrauchten Frauen eher Sackgasse als Zufluchtsort ist. Denn eine Zukunftsoption gibt es nicht.

Die gesellschaftlich konstruierte Wertlosigkeit der Frau begünstigt, dass ihr Verschwinden nicht von Interesse ist – zahlreiche Mädchen und Frauen werden folgenlos ermordet oder gekidnapped und in die Prostitution gezwungen (siehe auch „The Day my God died“ (Doku auf Youtube). Da es immer weniger heiratsfähige Frauen in Indien gibt, kaufen wiederum die indischen Männer Frauen aus anderen Ländern ein – Trafficking als Ursache eines Frauenmangels, den die indische Gesellschaft selbst verursacht hat.

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Einsortiert unter:film, Frauen, Gender, Gesellschaft, Medien, Stereotypes, , , , , ,

10 Responses

  1. schön geschrieben.

    ich möchte die gelegenheit nutzen, und meinen eigenen artikel zum schicksal indischer frauen einfügen.

    http://plueschfussel.wordpress.com/2010/10/24/tochter-mutter-schwiegermutter-das-weibliche-familienleben-in-indien/

    • fernlokal sagt:

      Hallo Jennifer,

      danke für deinen interessanten Artikel! Ich fand es gut, wie du den Weg einer Frau an einem imaginärem Beispiel dargestellt hast und wie differenziert du die Situation beschreibst (obwohl ich das mitgedacht hatte, kommt es in meinem kurzen Beitrag nicht so gut heraus). Schon dein Einstiegszitat bringt ja perfekt auf den Punkt, wie sehr die Situation der individuellen Frau von Faktoren wie Stadt-Land-Herkunft, gesellschaftlichem Milieu, Bildung, Einkommen etc. abhängt (wie überall):

      „Genauso vielschichtig, wie die Realität in allen indischen Lebensbereichen ist auch die Situation der indischen Frau, die von selbstverständlicher Autorität zu totaler Unterwürfigkeit, von höchstem Selbstbewusstsein zu trauriger Selbstverleugnung, von der verfassungsmäßigen Garantie absoluter Gleichberechtigung zu einer Realität reichen, in der ein ständiger Kampf um die verfassungsmäßigen Rechte geführt werden muss.“

      Spannend finde ich auch das Modell der Rakhi-Beziehung, von der ich noch nichts gehört habe, und dass diese emotionalen Beziehungen auch „besiegelt“ werden. Wieviele davon kann man als Frau denn haben? Und gehen damit auch Pflichten einher?

      Viele Grüße,
      Sonja

  2. vielen dank, war auch ein hartes stück arbeit.
    die rakhi beziehung habe ich von axinia http://shaktipower.wordpress.com/2006/10/09/sahaja-yoga-das-geheimnis-der-schwesterlichen-liebe/

    ich denke es ist unbegrenzt. wenn du schon bänder hast, wollen noch mehr männer eines von dir 😉
    pflichten auf jeden fall, aber ich denke, axinia kann dir da weiter helfen. ich habe mich bei ihr nur orientiert 🙂

    mein blog steht erst am anfang und ich habe noch viel vor. ich möchte auch zu anderen ländern einen artikel schreiben. es wird aber noch dauern, da es viel zeit in anspruch nimmt.

    liebe grüße jenny

  3. tanja sagt:

    Hallo,
    ist das früher gewesen oder ist das heute auch noch so?

    • Das ist heute zum Teil leider immer noch so. Das Umdenken in der Bevölkerung ist langwierig. In den Städten geht es schneller als in weniger besiedelten Gebieten.

      LG Jenny

      • tanja sagt:

        Danke !!
        Und war dass schon immer so oder gibt es eine bestimmte Zeit ? Haben sie vielleicht noch so ein Artikel mit China ?
        lg Tanja

  4. Soweit ich weiss, is das schon Jahrhunderte so, da es mit dem Glauben zusammenhängt. Genaueres müsste ich aber auch erst nachsehn. Ich selbst habe auch nur einen Artikel über Indien, möchte aber auch noch zu anderen Ländern was schreiben. Wenn die Info über China nicht eilt, können Sie mir eine Email schicken und ich mail Sie dann an.

    LG Jenny

    • tanja sagt:

      Danke für die Informationen ! Hat mir wirklich sehr weiter geholfen 🙂 Das über China bräuchte ich jetzt aber das macht nichts ich werde da schon etwas finden.

      Danke noch mal

      lg Tanja

      • fernlokal sagt:

        Wir sind leider keine China-Experten, aber was nicht ist… Liebe Grüße und viel Erfolg!

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