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Spurensuche: Vom Nahen Osten nach Ost-Berlin

Ein Israeli in Berlin: Dan lebt jetzt in der Stadt, aus der sein Großvater fliehen musste.

Für Dan ist es normal, wenn es wieder eine Welle in dem Krieg gibt, der seit 2000 Jahren andauert, und die Bomben kommen. Der 25-Jährige ist in Jerusalem geboren und hat sein Leben vor allem in Nahariya verbracht. Nur zehn Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt ist die Kleinstadt am Meer oft Schauplatz des Konfliktes um Israel gewesen: „Jedes Haus im Norden hat einen Bombenkeller, jede Schule, jede Fabrik, jedes Gebäude“, sagt Dan.

Gasmasken-Designcontest

Im Golfkrieg detonierten „unglaublich große Raketen“ aus dem Irak, deren Einschlag man aus 200 Kilometer Entfernung hören konnte. „Damals hatte jeder Mensch in Israel eine Gasmaske, die man immer in einer kleinen Box dabeihaben musste“, erinnert Dan sich an die Zeiten, in denen bei Schulwettbewerben die am schönsten gestaltete Masken-Box gekürt wurde. Die Schwarz-Weiß-Fotografien in seinem Wohnzimmer bilden ein visuelles Mosaik zu seinen Erzählungen vom Alltag in Israel: Portraits von Freunden, Familie, Landschaft. Sich die Welt durch das Objektiv einer Kamera zu erschließen, ist eine der Leidenschaften des Israeli. Seit zwei Jahren lebt Dan in Berlin und studiert beim Lette-Verein Fotografie.

Flucht vor dem Nazi-Regime

Auch die Kindheitserinnerungen von Dans Großvater sind von Krieg und Gewalt geprägt: er wurde vor 88 Jahren in Berlin geboren, wuchs in Grunewald auf und wurde mit 13 zu einem Onkel nach Israel geschickt. Für seine Eltern, Dans Urgroßeltern, war es zu spät: „Sie hatten schon ein schlechtes Gefühl gehabt, aber sie konnten Berlin nicht mehr verlassen.“

Aus Dans Wohnung im Nikolaiviertel im Osten Berlins fällt der Blick auf eine gepflasterte Altstadtgasse, mit Läden wie „Ledermoden Pfitzner“, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Touristenscharen sammeln sich vor historischer Kulisse. Vor zwei Jahren, als Dan nach Berlin zog, fühlte er sich auch wie ein Tourist: „Die Sprache konnte ich nicht, ich habe nichts verstanden, was die Leute sagen, konnte nichts lesen.“

Vertraute Sprache

Dennoch kam ihm viel Neues vertraut vor, wie die Sprache, die er nicht verstand: „Ich konnte das, ohne es zu können, es hat irgendwie Sinn gemacht.“, sagt Dan, der nun fließend Deutsch spricht. Vielleicht liegt diese Leichtigkeit daran, dass er mit dem Klang der „Großelternsprache“ vertraut war, mit Mozart, Schubert und Beethoven aufwuchs – und deutscher Lebensweise.

Dan findet seinen Großvater sehr deutsch, der deutsche Musik und Literatur liebt, Magazine wie den Spiegel liest und im letzten Jahr alle Werke Thomas Manns noch einmal gelesen hat. Für die vielen deutschen Juden, die nach Israel gekommen sind, gibt es ein hebräisches Wort – Jekkes. „Es steht für die deutschen Eigenschaften: sehr ehrlich, sehr ernst, pünktlich, ordentlich und genau“, sagt Dan.

Pünktlichkeit und Ordnung sind Tugenden, mit denen sich auch der Enkel anfreunden kann. Er hat einen Blick fürs fotografische Detail, eine minimalistisch eingerichtete, sehr saubere Wohnung und schält eine Ananas in ausgiebiger Prozedur wie ein kleines Kunstwerk in Stücke.

Deutsche Wurst

Die deutsche Zurückhaltung kann der junge Fotograf allerdings nicht an sich feststellen: „Israel ist lebendig, warm, die Südländermentalität beherrscht das Land. Jeder kann mit jedem sprechen, ohne „Sie“ zu sagen – Deutsche dagegen sind sehr geschlossen, aber ich komme gut mit ihnen klar.“ Die Relativität kultureller Normen kennt Dan von seinen Reisen durch die USA, Südamerika, Europa – und durch die Fotografie. „In Polen freut sich jeder über ein Foto, in Israel ist das unterschiedlich, hier ist es eher ein ziemlich niedriges Niveau der Freude.“

Wenn Dan sich seine neue Heimat Berlin durch Fotografie erschließt, trifft er immer wieder auf „typisch deutsche Bilder“: „Das kann ein Pärchen im Park sein, eine alte deutsche Omi mit dieser speziellen Frisur, ein Haus oder eine Einstellung.“ Wie sähe Deutschland aus, auf nur ein einziges Bild gebannt? Statt einer Antwort erzählt Dan von einem Besuch in der C/O-Berlin-Galerie: die Ausstellung portraitierte internationalen Fotojournalismus. Vor dem „Germany“-Raum habe er noch vermutet, dass jetzt ein „schönes Bild von einer Wurst“ komme. Und da war sie: neben deutschen Touristen am Strand ein Riesenposter einer Weißwurst mit Senf.

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