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Auf dem Skateboard durch Kabul

Ein bisschen Kindheit in einer zerstörten Stadt: Faranaz Akram, 13, skatet bei der ersten Skateboardschule in Afghanistan.

Nicht einmal ein afghanisches Wort gab es für die rollenden Bretter, mit denen Oliver Percovich und seine Freunde 2007 erstmals durch die afghanische Hauptstadt Kabul flitzten.

Neugierige Kinder folgten dem ungewöhnlichen Trupp, die Skater brachten den Kindern dann das Fahren bei, der Unterricht fand lange in einem leeren Brunnenbecken statt. 2009 gründete der Australier Percovich dann offiziell die gemeinnützige Organisation Skateistan – die erste Skateboardschule in Afghanistan.

Mehr als 330 junge Skater gibt es inzwischen in Kabul, auch viele Mädchen stehen auf den Brettern – was für Afghanistan ziemlich ungewöhnlich ist. Faranaz Akram aus Maimana im Norden Afghanistans ist eine der Skateboarderinnen in dem von Krieg, Krisen und Selbstmordattentaten geschüttelten Afghanistan.

Funsport im Krisenland

Während sie arbeitete, traf die 13-Jährige vor einem Jahr eine Mitarbeiterin von Skateistan, die sie überzeugte, sich die Skateboardschule einmal anzusehen – Faranaz Akram kam vorbei, war begeistert und meldete sich sofort bei Skateistan an.„Als ich zum ersten Mal ein Skateboard gesehen habe, war ich richtig aufgeregt“, sagt Faranaz Akram. „Aber ich wusste überhaupt nicht, wie man sich darauf stellt.“ Ein Lehrer von Skateistan zeigte ihr die richtige Position auf dem Skateboard, wie man fährt, beschleunigt, Tricks macht.

Faranaz bei Skateistan in Kabul

Faranaz bei Skateistan in Kabul

Inzwischen ist Faranaz Akram nicht mehr nur Schülerin – sie unterrichtet auch selbst als Skateboard-Instruktorin. Dreimal in der Woche kommt sie zu Skateistan, trainiert andere Mädchen, lernt ihnen, die Balance auf dem Skateboard zu halten und die Ramps hoch und herunter zu fahren.

Zwischen Halfpipe und Klassenzimmer

Skateistan ist eine gar nicht mehr so kleine Insel in Kabul: Skateistan-Gründer Oliver Percovich und sein Team haben Skateboards und Gelder aus dem Ausland organisiert und damit im vergangenen Jahr eine 1800 Quadratmeter große, moderne Skatehalle mit Ramps, Halfpipes und sogar einer Kletterwand gebaut.

Auch Klassenzimmer, Internetanschlüsse, eine Cafeteria gibt es bei Skateistan, denn die afghanischen Kinder, die zwischen fünf und 17 Jahre alt sind und verschiedene soziale und ethnische Hintergründe haben, sollen sich nicht nur auf den Skateboards austoben, sondern auch lernen. Bei vielen ist die Schulbildung durch den Krieg in Afghanistan lückenhaft, einige müssen erst wieder für die Schule fit gemacht werden.

Kunst und Kulturaustausch

Doch auch das Lernen bleibt bei Skateistan spielerisch: Die Schüler wählen aus einem breiten Bildungsangebot, sie erfinden Theaterstücke, drehen Filme, nehmen Journalismus-Kurse, lernen Englisch oder malen im Kunstunterricht alte Skateboards bunt an. Sie tauschen sich mit Schülern aus anderen Ländern wie den USA, Australien oder Peru per Videobotschaft, Blogs oder Skype aus und eignen sich Wissen über Umweltbewusstsein, Hygiene und Gleichberechtigung an.

Mädchen auf Skateboards – schon das gilt in Afghanistan eigentlich als Rebellion. „Erst wollte mein Bruder mich nicht zum Skateboardfahren gehen lassen“, sagt Faranaz Akram. Ihre Mutter überzeugte den Bruder dann doch.

Auch auf eine öffentliche Schule darf Faranaz Akram inzwischen gehen, sie besucht die siebte Klasse. Ihre Familie und ihre Freunde finden Skateistan mittlerweile richtig gut – weil auch afghanische Mädchen hier Sport machen dürfen. „Skateistan hat mein Leben ganz schön verändert“, sagt Faranaz Akram – nicht nur, weil sie jetzt weiß, wie man richtig auf einem Skateboard steht.

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