Fernlokal

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Soziales Engagement im Drogenkrieg

Lisa Zeidler und Sandra Wienand haben die Situation von Menschenrechtsorganisationen in Kolumbien und Mexiko erforscht.

Drogen begegneten Lisa Zeidler und Sandra Wienand gleich am ersten Tag in Bogotá, der ehemaligen kolumbianischen Drogenwelthauptstadt: Als sie in einem kleinen Laden Wasser kaufen wollten, schwankte ein Kolumbianer mit einem weißen Tütchen voller Kokain hinein und ließ es sich von der Ladenbesitzerin aufschneiden.

Kolumbianischer Alltag, für die deutschen Studentinnen skurril. Neun Wochen lang sind die beiden durch Mexiko und Kolumbien gereist – kein Urlaubstrip, sondern ein Forschungsaufenthalt. Sandra, 24, und Lisa, 25, haben für ihre Masterarbeit Interviews mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen geführt.

Menschenrechtsverteidigung unter Lebensgefahr

Die beiden studieren „Demokratisches Regieren und Zivilgesellschaft“ an der Universität Osnabrück, waren jede schon vorher einmal in Lateinamerika und kamen bei Recherchen für mögliche Masterarbeitsthemen auf die Idee, die Situation von Menschenrechtsorganisationen in den von Drogenkriegen betroffenen Ländern Kolumbien und Mexiko zu vergleichen.

Vor allem im Norden Mexikos, an der Grenze zu den USA, sind in den blutigen Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Kartellen und zwischen Kriminellen und staatlichen Kräften schon mehr als 35.000 Menschen ums Leben gekommen – oft Kartellmitglieder, aber auch Polizisten, Militärs, ganz normale Bürger, Journalisten oder eben Menschenrechtsaktivisten. In Kolumbien gerät die Bevölkerung immer wieder zwischen die Fronten des Kampfes zwischen linksgerichteten Guerillagruppen, kolumbianischem Militär und Paramilitärs.

Lisa und Sandra wollten untersuchen, welchen Handlungsspielraum Menschenrechtsorganisationen überhaupt noch haben. „Die Bevölkerung ist von der Gewalt massiv betroffen, obwohl sie in die Konflikte – wie die Bekämpfung des Drogenanbaus oder von Guerillagruppen – fast nie verwickelt ist“, sagt Lisa. „Die Arbeit von Menschenrechtsarbeitern ist in diesem Kontext unverzichtbar und wird doch fast unmöglich gemacht – sie ist für die Personen an der Macht unbequem und wird möglichst bekämpft.“ Für Menschenrechte einzutreten ist ein gefährliches Engagement, Einsatz wird mit Missachtung, Bedrohung, Verfolgung sanktioniert.

Quer durch Kolumbien und Mexiko

In Deutschland lasen sich die Studentinnen in Deutschland in Material von Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch ein und interviewten erste Experten, bewarben sich an ihrer Uni um einen Mobilitätszuschuss und flogen dann nach Bogotá. „In Kolumbien waren wir vor allem in den großen Städten unterwegs, wo die meisten Menschenrechtsorganisationen und Experten zu finden sind“, sagt Sandra.

Von der Hauptstadt Bogotá ging es nach Medellín und von dort über die Kaffeezone zurück nach Bogotá. Nach einem Monat in Kolumbien flogen die beiden nach Mexiko und arbeiteten sich dann von Mexiko-Stadt in die südlichen Bundesstaaten Guerrero, Oaxaca und Chiapas vor, danach reisten sie in den Norden bis nach Guadalajara und von dort zurück nach Mexiko-Stadt. „In Kolumbien haben wir auf unserer Reise die eindrucksvollen Anden und die schöne Kaffeezone gesehen, in Mexiko Riesenstädte, Pazifik, Dschungel und Pyramiden bestaunt“, sagt Sandra. „Es wäre noch spannend gewesen, in die etwas abgelegenen Gebiete vorzudringen, aber das wäre einfach zu gefährlich für uns gewesen.“

Unterdrückung durch den Staat

Nach einem Dutzend Interviews wurde Lisa und Sandra klar, dass es gar nicht so sehr der Drogenkonflikt ist, der die Organisationen an der Arbeit hindert: „Der Drogenkonflikt spielt für die Menschenrechtsorganisationen nicht die erwartete Rolle, vielmehr leiden sie immer noch unter der Repression seitens des Staates“, fasst Lisa ein zentrales Ergebnis zusammen. „Verschiedene staatliche und parastaatliche Akteure bedrohen Menschenrechtsarbeiter direkt, was ihre Arbeit lebensgefährlich macht.“

Überrascht hat die beiden, wie sicher und frei sie sich bewegen konnten und wie offen die Gesprächspartner die Fragen beantwortet haben. „Einige Themen zur Bedrohung der Menschenrechtsorganisationen waren ja schon sehr persönlich und bedrückend“, erinnert sich Sandra.

Beeindruckende Natur – und Berichte von Mord

Trotz der schwierigen Situation der Aktivisten haben Lisa und Sandra viele positive Eindrücke aus Kolumbien und Mexiko mitgebracht: „Das eindruckvollste Erlebnis war für mich die Standhaftigkeit der Menschenrechtsorganisationen, die trotz der Bedrohungen und Einschüchterungen weiterhin an ihrer Arbeit festhalten – in beiden Ländern“, sagt Sandra. In Mexiko, wo viele Organisationen von Bedrohungen und Morden an Mitarbeitern oder Kollegen berichteten, entstünde gerade eine große Bewegung gegen die Gewalt durch das Militär.

Auch eher touristische Erlebnisse wie die Begegnung mit hilfsbereiten Kolumbianern, die vernebelten Anden und Salsa-Tanzabende in Kolumbien und Eindrücke an ein buntes, vielfältiges Mexiko mit tollem Essen bleiben den beiden in Erinnerung. Auch wenn sie sich in Kolumbien daran gewöhnen mussten, dass an jeder Straßenecke ein schwer bewaffneter Soldat steht und sie in Mexiko erfahren haben, wie der Drogenkrieg das Leben vieler Mexikaner bestimmt, konnten Lisa und Sandra sich bei ihrer Reise sicher bewegen und haben sich wohl gefühlt.

Berge von Material

Nach Deutschland haben die beiden neben vielen Impressionen auch viele Interviews mitgebracht – und müssen sich jetzt stundenlang Tonaufnahmen anhören. Laute Räume und Sprachprobleme haben die Interviews allerdings erschwert: „Einige Gespräche sind stellenweise nicht so gut aufgezeichnet worden und einige spanische Sätze verstehen wir, obwohl wir es fünfmal angehört haben, immer noch nicht“, sagt Sandra. Die beiden sichten jetzt erst einmal wochenlang ihr gesammeltes Material, schreiben ihre Masterarbeit – und hoffen auf die nächste Reise nach Kolumbien und Mexiko.

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2 Responses

  1. Vallartina sagt:

    Werdet Ihr hier im Blog veröffentlichen, wo man die Auswertung nachlesen kann?

    • fernlokal sagt:

      Wir sind auch gespannt auf die Ergebnisse und bleiben dran – es wird allerdings noch einige Monate dauern, bis die Arbeit fertig ist und die Damen vielleicht irgendwo etwas veröffentlichen. Liebe Grüße!

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