Fernlokal

Online-Magazin für kulturelle Korrespondenzen und Kontraste

Säure-Opfer Ameneh Bahrami: Erzwungene Vergebung

Erst kämpfte Bahrami fast sieben Jahre, um den Mann zu blenden, der ihr das Augenlicht genommen hat – doch plötzlich vergibt sie ihm.

Die Iranerin Ameneh Bahrami hat fast sieben Jahre lang dafür gekämpft, dass sie den Mann blenden darf, der für ihr Erblinden verantwortlich ist – 2004 hatte Madschid Mowahedi Bahrami mit Schwefelsäure attackiert, weil sie seine Heiratsanträge abgelehnt hatte (Hintergrund).

Ameneh Bahrami

Tatsächlich bekam sie dieses Recht als erstes Opfer eines Säureattentates zugesprochen – nachdem die Vollstreckung im Mai 2011 bereits einmal verschoben worden war, da der Iran einen internationalen Imageschäden befürchtete, sollte die Bestrafung an diesem Sonntagmorgen stattfinden.

Um sechs Uhr morgens in Teheran ist es dann soweit. Ameneh Bahrami wird mit ihrer Familie von Polizisten ins Krankenhaus eskortiert, als Mowahedi sie sieht weint er, beschimpft er sie: „Du fette Kuh, Du alte Jungfer. Zwischen Dir und mir gibt es keinen Unterschied. Du wirst büßen für das was Du tust.“

Doch als Mohawedi betäubt werden soll, stoppt Ameneh die Bestrafung – er springt auf, küsst ihre Füße und Hände und bittet sie darum, seine Frau zu werden, sie lacht und lehnt den absurden Vorschlag nochmals ab: „Ich habe nicht deinetwegen verzichtet, sondern meinetwegen.“

Diese Version der Geschichte hat Ameneh Bahrami zumindest dem mvgverlag am Telefon erzählt – sie klingt erst einmal nach einem versöhnlichen Happy-End, doch überzeugend ist sie nicht. Natürlich hatte Ameneh Bahrami auch Zweifel: „Ich kann nicht sagen, was im letzten Moment passiert“, hatte sie noch in Barcelona gesagt.

Doch was sie nun über den Verlag verlautbaren lässt, klingt nach einem Gesinnungswandel von 180 Grad. Bahrami wird zitiert, sie habe die Vergeltung aus diversen Gründen gestoppt, „wegen Gott, für mein Land und für mich selbst.“ Auch habe ihre Familie diese Rache nicht gewollt. Sie soll den Entschluss zu verzichten, bereits vor sieben Jahren gefasst haben und verlangt nun keinen Cent Schmerzensgeld. Auch habe sie niemand unter Druck gesetzt. Diese offizielle Version der Geschichte mutet wie eine erzwungene Abschwörung an.

Auch Bahramis Anwalt sagte der iranischen Nachrichtenagentur ISNA, dass er nichts von der Urteilsvollstreckung wusste, und dass Bahrami entschlossen war, Mohawedi Auge um Auge zu nehmen. Wenn Ameneh Bahramis Entscheidung tatsächlich nur das Ergebnis einer staatlich verordneten Vergebung sein sollte, hat sie fast sieben Jahre umsonst gekämpft.

Advertisements

Einsortiert unter:Europa, Gesellschaft, Iran, Politik, , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokal nominiert als “Best Weblog Deutsch” (Deutsche Welle Blog Awards 2010)

Fernlokales 2011

Jesus Mexiko 2011 (copyright fernlokal)

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Lokales 2010

Lokales 2010

(copyright fernlokal)

Photos

P1050718

P1090220

P1090100

P1080792

P1080447

Mehr Fotos
%d Bloggern gefällt das: