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Wolfgang Stoephasius: Miles & More

Wenn Wolfgang Stoephasius reist, dann hakt er Ziele auf seiner Liste ab – wie alle im Klub der Extremreisenden, in dem er deutscher Rekordhalter ist.

Pitcairn war ein besonders kniffeliger Fall. Die winzige Vulkaninsel, gerade viereinhalb Quadratkilometer britisches Überseegebiet, ragt abrupt aus dem Pazifik heraus, an den Klippen brechen sich die tosenden Wellen, irgendwo zwischen Neuseeland und Südamerika, weit weg vom Festland, so fern, dass Pitcairn lange nicht einmal auf einer Karte verzeichnet war.

Alle paar Monate wagt sich ein Schiff aus Neuseeland heran, um die letzten 48 Bewohner zu versorgen, Nachfahren der Seefahrer, die 1789 auf der Bounty meuterten, später hier anlegten und mit geraubten Tahitianerinnen die Insel belebten.

Diese Insel also wollte auch der Münchner Wolfgang Stoephasius erobern im Februar 2011. Er buchte eine Kreuzfahrt für sich und seine Frau, das Schiff sollte in die Nähe von Pitcairn fahren.

Wahnsinnig blauäugig, sagt er, stellte er sich vor, wie er über die Insel laufen würde. Doch die Leichtigkeit verflüchtigte sich, als Stoephasius von dem Kreuzfahrtdirektor erfuhr, dass der sieben Jahre lang nur auf Sichtweite an Pitcairn herangekommen war; auch die Meuterer der Bounty hatten drei Tage gebraucht, bis sie anlegen konnten. „Die Chance, auf die Insel zu kommen, war so klein wie die Chance auf einen Sechser im Lotto“, sagt Wolfgang Stoephasius. „Aber ich dachte: Es muss irgendwie gehen.“

Als das Kreuzfahrtschiff Pitcairn erreicht, ist es sonnig, die See hat sich beruhigt. Die Crew versucht, mit dem Beiboot Pitcairn anzusteuern, doch sie scheitert immer wieder an der Brandung. Inselbewohner holen die wagemutigsten Touristen mit ihrem leichten Aluminiumbötchen ab, doch der Umstieg mitten auf dem Meer ist gefährlich. Nur 200 der 800 Passagiere trauen sich, natürlich sind Stoephasius und seine Frau Renate dabei.

Während der Polizeibeamte a. D. mit seiner Frau am Küchentisch ihrer Wohnung in München-Schwabing das kleine Abenteuer rekapituliert, gestikuliert er durch die Luft, die tiefen Falten, die sich um die Augen des 69-Jährigen eingegraben haben, verziehen sich beim Lachen. Zwischendurch blättert er durch ein Fotoalbum, in dem die Eindrücke von Pitcairn haften: wie seine Frau gerade auf die Insel klettert, ein rostiger Anker, angeblich von der Bounty, Stoephasius mit Inselpolizistin Brenda im Arm. Das Aufregendste an Pitcairn scheint jedoch der Weg auf die Insel gewesen zu sein.

Aber dass man nicht reist, um anzukommen, dass der Weg das Wichtigste ist, stellten Touristen schon vor Jahrhunderten fest. Wie Johann Wolfgang von Goethe, der 1786 nur zu einer, wenn auch berühmten, Italienreise aufgebrochen war. Seinerzeit war die Reise noch Privileg von Adel und gutverdienendem Bürgertum, erst der Brite Thomas Cook wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Pionier der Massenreiserei. Der moderne Reisende fliegt fast inflationär durch die Welt, mit günstigen Tickets. Es war noch nie so leicht, so schnell so fern zu sein – aber wie viel ist eine Reise dann eigentlich noch wert?

Wolfgang Stoephasius findet: unendlich viel. „Reisen erweitert den Horizont“, sagte er. Hunderte Reisen hat er hinter sich. Er habe, sagt er, „ein Reise-Gen“, das vielleicht noch aus der Nomadenzeit der Menschheit stamme. Nach jedem Trip kann er aber auch ein Häkchen hinter eines der Ziele auf seiner Reiseliste setzen. Denn im Online-Klub der Extremreisenden „Most Traveled People“ (MTP), in dem er Mitglied ist, wetteifern die Mitglieder um nichts weniger als die Vermessung der Welt.

Was zuallererst ein Rechenspiel ist – denn was bedeutet das, die ganze Welt zu bereisen? Die UN kommen mit dem Südsudan neuerdings auf 193 Staaten, die MTP-Webseite listet hingegen 872 Destinationen auf, die es zu erreichen gilt. Zu den UN–Ländern gesellen sich hier Regionen wie Darfur oder der Gazastreifen, Inseln und Atolle wie Lakshadweep oder Tristan da Cunha und neuerdings auch Staaten und Provinzen – als ob die Ländersammler die Welt in immer kleinere Stücke zerteilen müssten, damit das Reisen nie abgeschlossen ist.

„Reisen ist eine Sucht – aber eine positive“, sagt Wolfgang Stoephasius, der mit seinem grauen, schütteren Haar und dem buschigen Schnauzer eher wie der gemütliche Münchner Kommissar aussieht, der er mal war, als der weitestgereiste Deutsche. Doch ist er wandelbar, wie die Bilder im Flur seiner Wohnung beweisen: Stoephasius mit langem Bart, Turban, in weißem Beduinengewand und mit Palästinensertuch in der Wüste, Stoephasius, wie er sich mit seiner Frau auf einem Elefanten durch Indien schaukeln lässt, in Afghanistan vor der blauen Moschee in Mazar-e-Sharif steht. In Vietnam sitzt er in den ehemaligen Katakomben der Vietcong-Kämpfer, sieht selbst aus wie ein Guerillero, die blauen Augen leuchten aus dem gebräunten Gesicht.

Stoephasius rangiert bei „Most Traveled People“ inzwischen in der „Hall of Fame“: deutschlandweit Nummer eins, weltweit die Nummer 13. Er hat 192 UN-Länder gesehen, nur das neueste, den Südsudan, nicht. 664 der 872 Ziele seines Reiseklubs hat er abgehakt, darunter Exoten wie die mikronesische Koralleninsel Nauru, den drittkleinsten UN–Staat der Welt, den kaum jemand kennt. 208 Ziele fehlen ihm noch von der Liste der „Most Traveled People“, doch das ist Stoephasius ziemlich „schnuppe“.

Der Amerikaner Charles Veley, 46, muss nur noch 50 Destinationen bereisen, und es ist ihm ganz sicher nicht egal – er liegt weltweit ganz vorn und ist auch der Gründer der Reisegemeinschaft. Veley reiste als Kind nur in seiner Fantasie, zur Jahrtausendwende nahm er sich dann ein Jahr Auszeit von den 80-Stunden-Wochen in seinem IT-Unternehmen. Als die Dotcom-Blase platzte und auch seine Firma mit in den Abgrund riss, war er gerade in Tasmanien – und beschloss, die Krise auszusitzen. In einem Reisemagazin las Veley vom „Travelers’ Century Club“ und entdeckte eine neue Herausforderung: den organisierten Wettlauf um die Welt. Fasziniert davon reiste er Tausende von Meilen, gab über eine Million Dollar aus und war nach drei Jahren der jüngste und meistgereiste Mann der Welt. Dann gründete er seinen eigenen Klub: „Most Traveled People“.

Der deutsche Meister Wolfgang Stoephasius ist weder Millionär, noch besonders ehrgeizig, dafür ist er schon immer viel gereist. Als er gerade fünf Jahre alt war, entdeckte er auf dem elterlichen Dachboden in Schlesien Porzellanfiguren, verkaufte sie an russische Soldaten und setzte sich mit den Taschen voller Zlotys in den nächsten Zug. Er wollte seinen Vater in britischer Kriegsgefangenschaft besuchen. Die Reise endete noch auf dem Bahnhof, weil ein Fahrgast ihn durch das Fenster zurück auf den Bahnsteig hob.

Als Schüler konzentrierte Stoephasius sich auf seinen Wunsch, Indianer zu werden, sprang mit Hühnerfedern auf dem Kopf und einer Axt als Tomahawk herum, las Romane über stolze Häuptlinge. Als Jugendlicher trampte er immer wieder ein, zwei Tage durch Deutschland, ohne dass seine Eltern wussten, wo er war. Und als Polizist nutzte er jede schichtfreie Zeit, jeden Urlaub, um unterwegs zu sein, organisierte auch Gruppenreisen für seine Kollegen, wobei er seine jetzige Frau kennen lernte. Seitdem reisen sie zusammen, seit seiner Pensionierung auch monatelang. Sie begleitet ihn gern, die treibende Kraft aber ist Stoephasius selbst.

Eine Liste, wo er war und wohin er noch will, führte er nicht, warum auch. Erst, als er vor acht Jahren in Surinam einen Schweizer traf, der in 145 Ländern gewesen war, und Stoephasius selbst keinen Überblick hatte, rekonstruierte er seinen eigenen Weg durch die Welt – anhand von Passstempeln, Tagebuchnotizen, Fotos und Super-8-Filmen: „Über 160 Länder müssen es gewesen sein, da dachte ich: Die 30, die fehlen, schaffst du auch noch.“ Beim Friseur entdeckte seine Frau dann „Most Traveled People“, sie las im „Playboy“ ein Interview mit dem Reisejunkie Veley – und „aus Jux“ loggte Stoephasius sich dort ein.

Was also bleibt von so viel Reiserei, neben dem Ruhm, der deutsche Listenführer zu sein? Bei Stoephasius ganz offensichtlich eine Dreizimmerwohnung in einem unscheinbaren, etwas dunklen Siebziger-Jahre-Wohnhaus, die ein Museum der Dinge ist. All die Erinnerungsstücke finden sich hier, die Stoephasius von seinen Reisen mitgebracht hat. Da hängen filigrane buddhistische Tempelglöckchen von der Decke herab, Hunderte von Fotos überall, eine schwarz-weiße Maske aus Ceylon an der Wand, Totenpüppchen, teils düstere afrikanische Kunst neben zierlichen Münchner Moriskentänzern, im Wohnzimmer steht eine goldene Statue von Siddhartha.

Zu allem fällt Stoephasius eine Geschichte ein, Hintergrund, Details, wenn er etwas vergisst, zieht er eines der Alben aus einem Wandregal, das fast ein kleines Zimmer einnimmt. Es sind Unmengen wertvoller Erinnerungen, bei deren Verpackung Stoephasius keine Eitelkeit kennt, er kauft ein, was im Sonderangebot ist: Mickeymausalben oder pastellfarbene Kitsch-Landschaften bergen Fotos und ordentliche, eng beschriebene Postkarten, jeden Tag schreibt er eine, egal wo er ist. „Die kann ich mir mal anschauen, wenn ich nicht mehr soviel reise“, sagt Stoephasius und lacht polternd, er glaubt selbst nicht daran.

Das Faszinierende am Reisen ist, dass es nicht nur ein Positionswechsel ist, sondern dass sich zwischen Hier und Dort auch jedes Mal die eigene Perspektive verschiebt. Die größten Spuren, die das Reisen an Stoephasius hinterlassen hat, die sieht man deshalb auch nicht, die spürt man, seine Offenheit, Gelassenheit, die positive Art. „Ich habe inzwischen ein vollkommen anderes Weltbild“, sagt er. Seine erste Reise in die USA, 1973, rückte erst einmal seine Indianer-Illusionen zurecht: „Als ich in South Dakota den ersten Sioux sah, war das ein besoffener alter Mann, der am Straßenrand lag“, erinnert er sich. Eine traurige Ernüchterung.

Seine Weltreisen haben ihn zum „Pazifisten“ gemacht, irgendwann wusste er nicht mehr, in welcher Schublade seine Dienstwaffe lag. Früher war er gläubiger Kirchgänger, heute ist er „Absurdist“: „Ich sage nicht, dass es absurd ist zu glauben“, sagt Stoephasius, „aber es ist absurd, das Geschehen auf der Welt durch Religion verstehen zu wollen.“ Vor allem aber hat Stoephasius gelernt, wie relativ alles ist. Er war kurz nach dem Krieg in Sierra Leone, kurz nach dem Völkermord in Ruanda, hat gesehen, wie schnell Situationen „kippen“ können. Und er weiß, dass Materielles nicht entscheidend ist: „Es ist mir wurscht, was ein Ballack oder ein Banker verdient, ich habe durchs Reisen gelernt, nach unten zu schauen, und dass man auch anders glücklich sein kann“, sagt er.

Man könnte nun meinen, dass sich bei „Most Traveled People“ Gleichgesinnte finden, doch die Extremreisenden hat Stoephasius nur einmal getroffen. Weil Charles Veley noch ein paar deutsche Bundesländer und ein paar Schweizer Kantone fehlten, berief er im vergangenen Jahr ein Treffen in München ein. Da saßen sie in einem edlen Klub, Zigarren im Wert von 5000 Dollar auf dem Tisch. Ein paar echte Globetrotter seien dabei gewesen, sagt Stoephasius, aber auch einige, denen es nur darum ging, Länder wie Bierdeckel zu sammeln. Kurz über die Grenze zu reisen für einen weiteren Stempel im Pass und den Haken auf der Liste, das findet er lächerlich.

Die Frage nach dem Wert des Reisens ist also wieder die uralte Frage nach dem Weg: Der Meilensammler, der auf Status schielt, dem es nur um das Ankommen, das Abhaken von Ländern geht, gewinnt so kaum Erkenntnis hinzu.

„Mir ging es nie um den Schritt rein und dann wieder raus, ich will ein paar Tage da sein und mir ein Bild machen“, sagt dagegen Stoephasius. Er ist einer, der die Menschen „auf Augenhöhe“ kennenlernen will und sich deshalb bewegt wie sie: Viele afrikanische Länder hat er in den angerosteten Taxibussen durchquert, die überfrachtet sind von Menschen, Hühnern, Gemüse und Gepäck. Größere Länder, wie China, Indien oder die USA, hat Stoephasius mehrmals besucht, um sie sich „scheibchenweise zu erobern“.

Die Befürchtung, dass sich das Reisen abnutzt, dass irgendwann alles gleich erscheint nach so vielen Ländern, hat er nicht: „Dafür bin ich zu neugierig“, sagt Stoephasius. „Und jedes Land hat irgendetwas Besonders, Menschen, Tiere, Landschaft oder Kultur.“ Deshalb kann er auch kein Lieblingsland nennen, zählt lieber besondere Momente auf. Dann fällt ihm doch noch eines ein: „Bayern – man muss ja immer wieder zu seinen Wurzeln zurück.“ Und wieder weg. Auch jetzt ist Wolfgang Stoephasius auf dem Sprung, ein blau-schwarzer Reiserucksack und ein kleiner Koffer sind gepackt, die Lebensmittel aufgebraucht, am nächsten Tag wird er mit seiner Frau in die USA fliegen, zum 15. Mal, um die Route 66 entlangzufahren. Und das Ticket Richtung Südsudan hat er natürlich auch schon gebucht.

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