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Mein Haus: ein Zelt

Aufstand in Israel: Yoav Fekete lebt in einem Zelt – und protestiert für ein bezahlbares Leben und eine bessere Gesellschaft.

Yoav Fekete lebt auf dem Rothschild-Boulevard, der teuersten Allee von Tel Aviv, dort wo Banken, Büros und teure Cafés zu finden sind – doch er wohnt in keinem der Luxusapartments, sondern in einem grauen Zelt.

„Ich möchte, dass die Menschen die Zukunft gestalten und dass Israel sich ändert“, sagt der 27-Jährige. Er ist einer der jungen Demonstranten, die seit acht Wochen campen, um auf die sozialen Probleme in Israel hinzuweisen.

Leben am Limit

Das Zelt ist ein Symbol – dafür, dass sich kaum einer der jungen Israelis eine Wohnung leisten kann, dass viele, selbst wenn sie hart arbeiten, oft am finanziellen Limit leben.

Die Einkommen bleiben gering, während die Mieten und die Lebenshaltungskosten rasant steigen – gerade Tel Aviv ist eine der teuersten Städte der Welt, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung kostet etwa 1000 Euro.

Als Daphni Leef, einer 25-jährigen Filmemacherin aus Tel Aviv, ihre Wohnung gekündigt wurde und sie einfach kein bezahlbares Apartment finden konnte, forderte sie ihre Freunde auf Facebook dazu auf, am 14. Juli Zelte auf dem Rothschild-Boulevard aufzuschlagen – es war der Beginn des größten Sozialprotestes Israels.

Diskutieren auf dem Edel-Boulevard

Durch soziale Netzwerke und Medienberichte standen bald Hunderte von Zelten auf dem Boulevard, schnell verwandelte sich die Allee in ein Forum für politische Diskussion mit Festivalatmosphäre: Bands spielten kostenlos, Debatten und Lesungen wurden gehalten, alle diskutierten über die Situation – und wie sie die Zukunft verändern könnten.

„Das Wichtigste ist, dass die Leute hier endlich miteinander sprechen“, sagt Yoav Fekete. Der schmale junge Mann mit den blonden, schulterlangen Locken kommt eigentlich aus der Nähe von Haifa, in Tel Aviv wollte er seinen Master in Computerwissenschaften beginnen – und zog dann direkt in das Zelt auf den Rothschild-Boulevard, als die Proteste begannen.

Ruf nach politischem Wandel

Bald standen nicht mehr nur die hohen Lebenshaltungskosten im Zentrum der Proteste – es ging um alles: Wieso in dem kleinen, wirtschaftlichen prosperierenden Land das meiste Geld in die Taschen weniger Personen oder Unternehmensgruppen fließt, während das Einkommen des Großteils der Bevölkerung stagniert – etwa jeder vierte Israeli gilt sogar als arm.

Um Defizite auf dem Wohnungsmarkt, bei Bildung, Gesundheit, zu hohe Steuern, das Rentensystem, das Versagen von staatlicher Kontrolle.

Die Sozialproteste verbreiteten sich im ganzen Land – und viele gesellschaftliche Gruppen schlossen sich an, Studenten, Ärzte, Familien, auch Religiöse. Am vorletzten Wochenende protestierte fast eine halbe Million Menschen – 300.000 davon alleine in den Straßen von Tel Aviv. „Da liegt etwas in der Luft“, sagt Fekete, „aber die Frage ist, ob die kritische Masse erreicht wird.“

Keine einfache Lösung

Anfangs nahm der israelische Ministerpräsident Netanjahu die Demonstranten nicht ernst – inzwischen hat er eine Expertenkommission eingesetzt, die Ende September Vorschläge für Reformen vorlegen soll. Doch die Einsparpotentiale würden gerade Gruppen treffen, die Netanjahu bisher aus strategischen und politischen Gründen unterstützt hat: das Militär, Unternehmer und Spitzenverdiener, Siedler, Ultra-Orthodoxe. Ob sich tatsächlich etwas ändern wird, ist ungewiss.

Viele der Protest-Unterstützer leben auch gar nicht mehr in den Zelten, auf dem Rotschild-Boulevard harren nur noch etwa 80 Demonstranten aus, bis auf etwa 100 Zelte hat die Polizei alles abgebaut. Doch Yoav Fekete will bleiben – bis sich etwas ändert.

Inzwischen ist er zu einem der Zeltlagerleiter aufgestiegen, kümmert sich um die Organisation des Lagers, Essen, Logistik. Fekete kann dem geschrumpfen Protestlager auf dem Rothschild-Boulevard sogar noch Positives abgewinnen: „Der Zusammenhalt jetzt ist viel besser.“

Die Zelte waren vor allem ein Symbol – jetzt gehen die Proteste auch außerhalb der Camps weiter. Am vergangenen Wochenende haben Demonstranten bei der „1000 Tables“-Aktion runde Tische im ganzen Land aufgestellt, an denen Minigruppen über die Veränderungswünsche diskutierten – am Ende sollte ein gemeinsames Dokument mit guten Ideen und Vorschlägen für Reformen entstehen.

Auf jeden Fall hat der Sozialprotest, den niemand erwartet hätte, den Israelis gezeigt, dass sie gemeinsam etwas bewirken können. „Manche Leute sind aufgewacht“, sagt Yoav Fekete. „Andere nicht.“

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