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Die Kinder-Killer

Waffen, Drogen, Geld und Macht: In Mexiko steigen immer mehr Kinder und Jugendliche ins Kartellgeschäft ein.

Gerade einmal 14 Jahre war Edgar Jiménez Lugo alt, als er im vergangenen Dezember verhaftet wurde – der mexikanische Teenager mit den krausen braunen Haaren hatte bereits vier Menschen ermordet, mindestens. Fotos von seinen Folteropfern hatte er auf seinen beiden Handys gespeichert.

Eine ziemlich blutige Bilanz für einen 14-Jährigen, doch Edgar Jiménez Lugo ist kein Einzelfall in Mexiko. Immer mehr Kinder und Jugendliche erledigen Jobs für Kartelle – von Drogenverkauf über Botengänge bis zu Mordaufträgen.

Nachwuchs für den Drogenkrieg

Kartellkriminalität gehört in Mexiko zum Alltag: Die konkurrierenden Gruppen, die von Drogenverkauf, Schutzgeld, Entführungen, Prostitution, aber auch legalem Unternehmertum leben, sollen inzwischen mehr als zwei Drittel des Landes kontrollieren.

Die Kartelle liefern sich untereinander, aber auch mit Sicherheitskräften der Regierung einen brutalen Drogenkrieg, kämpfen um Macht und Einfluss. Mehr als 40.000 Mexikaner, Kartellmitglieder, aber auch Zivilisten, sind dabei ermordet worden – und die Kartelle rekrutieren laufend Nachwuchs, der anscheinend immer jünger wird.

Edgar Jiménez Lugo fing schon mit elf Jahren an für das Cartel del Pacifico Sur zu arbeiten – bei seiner Festnahme behauptete er, er sei entführt, mit Drogen betäubt und zum Morden gezwungen worden. Das kann, muss aber nicht so sein.

Kriminelle Karriere

Viele junge Mexikaner steigen ins Drogengeschäft ein, weil sie sich Geld, Macht, Respekt erhoffen – und keine anderen Perspektiven haben.

Große Teile der Bevölkerung leben in Armut, die Bildungschancen sind schlecht, die Aussichten auf Arbeit für viele Jugendliche gering, gerade in Regionen, in denen der Drogenkrieg besonders stark tobt.

Etwa 22 Prozent der zwölf- bis 29-Jährigen Mexikaner zählen zur Generation der „Ni-Nis“, der „Weder-Nochs“ – sie gehen weder zur Schule, noch zur Uni, haben auch keinen Job – und suchen auch nicht mehr danach, weil sie jede Hoffnung auf einen legalen Aufstieg verloren haben.

Edgar Jiménez Lugo, der als Sohn mexikanischer Auswanderer in San Diego in den USA geboren wurde, kommt aus einer kaputten Familie: Sein Vater ist unbekannt, die Mutter selbst im Drogenmilieu, die sieben Geschwister wuchsen alleine auf. Eine Großmutter versuchte Edgar Jiménez Lugo großzuziehen, doch er verließ die Schule, blieb Analphabet.

Kartellbosse als Helden

Die Geschichten der berühmtesten mexikanischen Drogendealer und Kartellbosse kennen Mexikaner schon als Kinder. Der mächtige Chef des Sinaloa-Kartells Chapo Guzmán etwa hat den Aufstieg aus dem Nichts zu einem der reichsten Menschen der Welt geschafft – ein Weg, von dem viele träumen.

Rund um die Welt der Narcos hat sich auch eine eigene Kultur entwickelt, die für Jugendliche anziehend wirkt: In Narcocorridos, Liedern über die Kartelle, über Waffen, Frauen, Geld und den Tod, wird das kriminelle Leben glorifiziert. In Youtube-Videos prahlen die Gangster mit ihren blutigen Taten.

Viel Geld, coole Posen, schöne Frauen und schnelle Autos – so stellen sich die Jugendlichen ihr Leben vor. Ein ehemaliger Killer erzählte etwa, wie er während seiner Schulzeit bereits ein Auto von seinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt bekam – obwohl er noch keinen Führerschein hatte.

Riskantes Leben

Zwischen den Fronten der Gefechte zwischen den konkurrierenden Kartellen sowie Polizei und Militär ist das Leben vieler „Narcojuniors“ aber meist ziemlich kurz – Kinder und Jugendliche sterben im Drogenkrieg, täglich werden junge Mexikaner erschossen, Opfer oder Täter, die selbst zum Opfer werden.

Für Edgar Jiménez Lugo ist das wilde Leben nun erst einmal vorbei: Wegen Mord, drei Entführungen und Drogenschmuggels muss er drei Jahre im Gefängnis verbringen.

Mit 17 wird er dann entlassen – jung genug, um dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat, wäre er dann immer noch. Selbst bei einer Verurteilung müssen Minderjährige in Mexiko nur eine kurze Auszeit nehmen – ein weiteres Argument für Kartelle, auf die Kinder-Killer zu setzen.

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