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Lebendige Wände

Kollektive Kunst: Der französische Künstler JR verwandelt öffentlichen Raum in eine Gesichter-Galerie.

Sie schreien, jubeln oder blicken mal nachdenklich, mal lachend, mal durchdringend, mal kämpferisch: Wenn Mauern, Stromkästen, Busse, Häuser, Städte von riesigen, schwarz-weißen Portraits überzogen werden, dann hat JR wieder seine Mission erfüllt. Die Straße ist für den französischen Künstler „die größte Galerie der Welt“.

Gerade ist der über die Streetart-Szene hinaus bekannte Public-Artist, Jahrgang 1983, in Israel und der Westbank unterwegs – in Tel Aviv und Haifa, Bethlehem und Ramallah fotografieren er und seine Künstlergruppe Tausende von Menschen und lassen sie die Gesichter in den Städten plakatieren. Die Bedeutung der Blicke – sie bleibt den Portraitierten überlassen, und den Passanten.

Vor dem großen Fotoautomat, mit dem die Künstler durch Israel fahren, bildeten sich schnell große Schlangen, wie in Tel Aviv – viele wollten hier Teil des Gesamtkunstwerks sein, Gesicht zeigen für den israelischen Sozialprotest – manche wollten sich auch einfach ein Poster mit nach Hause nehmen.

Verständnis durch Blicke

Vor vier Jahren war JR schon einmal hier: Er fotografierte Israelis und Palästinenser, die jeweils den gleichen Beruf ausüben, und klebte die riesigen Portraits an die Grenzmauer – der Taxifahrer, die Doktorin, die Lehrerin aus Israel auf der palästinensischen Seite, und umgekehrt. Das Projekt sollte die Gemeinsamkeiten aufzeigen – und die Grenze ein wenig durchlässiger machen.

Auch jetzt hofft JR, durch ein „positives, öffentliches visuelles Statement“ einen kleinen Beitrag zum Friedensprozess leisten zu können: „Wir wollen zeigen, dass auf beiden Seiten ein massiver Friedenswille herrscht und dass die jungen Leute vorwärtskommen wollen, um ihre Zukunft abzusichern.“ „Time Is Now, Yalla!“ heißt das kollektive Kunstprojekt deshalb auch: Auf geht`s.

Geschichten aus der ganzen Welt

JR`s Streetart-Karriere begann mit dem Fund einer Kamera in der Pariser Metro – er begann, Straßenkünstler in der ganzen Welt zu portraitieren, 2004 hing er dann an einem Wohnhaus in Clichy-sous-Bois, einem Vorort von Paris, sein erstes Großportrait auf.

Als ein Jahr später die sozialen Unruhen in den Banlieues begannen, kehrte er zurück und stellte den Medienbildern von brennenden Autos und gewaltbereiten Jugendgangs Portraits von Jugendlichen aus der Banlieue entgegen, die sich darauf selbst parodierten – sie schnitten Grimassen, machten Gangsterposen und stellten die Außenwahrnehmung in Frage. Die Bilder hängte JR in anderen Stadtvierteln auf.

Auch in Afrika, Brasilien, Indien oder Malaysia machte JR Geschichten sichtbar, die bisher nicht erzählt worden waren. In Kenia oder Sierra Leone, wo die Männer die Straßen kontrollieren würden, wie JR sagt, suchte er nach Heldinnen des Alltags und stellte ihre Gesichter in den Städten aus. In einem kenianischen Slum druckte er Blicke auf Vinylplanen und zog sie auf Dächer auf, auch Züge mit Augen rollen durchs Land. „Wenn das Foto weg ist, macht das nichts“, sagt JR. „Das Wichtige ist, dass das Bild im Gedächtnis bleibt.“

Der Künstler selbst will sein Gesicht nicht zeigen: Er nennt sich nur „JR“, zeigt sich nur mit Sonnenbrille und Hut, denn verhaftet wurde er schon oft und in vielen Ländern, in denen er arbeitet, gibt es keine Meinungsfreiheit. Und: Die Bilder und Geschichten der Menschen, die er fotografiert, sollen im Vordergrund stehen.

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