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Übernachten im Flüchtlingslager

Das palästinensische Flüchtlingslager Dheisheh bei Bethlehem ermöglicht einen Einblick in den Alltag seiner Bewohner.

Einige Jugendliche machen neben der Hauptstraße Musik, vorbeifahrende Autos hupen, später dringt die ganze Nacht Musik durch die engen Straßen – in Dheisheh wird an diesem Abend die Hochzeit eines palästinensischen Pärchens gefeiert.

Am Anfang war es nur eine Zeltstadt, jetzt ist eine richtige kleine Stadt: Das Flüchtlingslager Dheisheh im Süden von Bethlehem ist längst nicht mehr die temporäre Siedlung, als die es anfangs gedacht war.

Endlos auf der Flucht

Tausende von Palästinensern waren nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg, den die Palästinenser nur „die Katastrophe“ nennen, in das 1949 mit internationalen Mitteln eröffnete Camp geflüchtet.

Doch als sich die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht erfüllte, begannen die Bewohner von Dheisheh sich eigene Häuschen zu bauen, inzwischen gibt es auch kleine Läden, ein Kulturzentrum, Schulen, etwa 13.000 Kinder und Erwachsene leben heute im Camp.

Am Tropf

Der Alltag bleibt allerdings schwierig: Überall wehen UNRWA-Flaggen oder sind Logos des Flüchtlingshilfswerks für Palästina der Vereinten Nationen angebracht – denn Dheisheh ist von internationaler Hilfe abhängig.

Hohe Arbeitslosigkeit, ein veraltetes Abwassersystem und überfüllte Schulen seien dem UNRWA zufolge die größten Probleme des Flüchtlingslagers. Perspektiven gibt es hier kaum.

Viele kleine Kinder spielen in den Straßen, in denen die Hauswände von Graffitis und Zeichnungen bedeckt sind – teilweise sind es Szenen von Verfolgung und Gewalt, oder Widerstandskämpfer, die portraitiert wurden.

Kreativ sein mit Nichts

Das Ibdaa Kulturzentrum, in dem viele Bewohner von Dheisheh engagiert sind, will den Kindern und Jugendlichen alternative Entwicklungsmöglichkeiten durch Kreativität und Bildung eröffnen.

Etwa 1.500 Kinder, Jugendliche und Frauen profitieren jedes Jahr von den Angeboten, es gibt Sportteams, deren Pokale im Vorraum des mehrstöckigen Hauses aufgereiht sind, eine Theater- und eine Tanzgruppe, verschiedene Workshops.

Immer wieder Aufstehen

„Wir wollen die palästinensische Kultur auf kreative und friedliche Art und Weise bewahren und gleichzeitig auf die brutale politische Realität und das Leben im Flüchtlingslager aufmerksam machen“, sagt ein junger Mitarbeiter des Zentrums. „Bei Theaterspiel, Sport oder Musik können die Kinder und Jugendlichen auch Traumata und Ängste verarbeiten.“

Viele Jugendliche haben die Zweite Intifada, den von palästinensischen Selbstmordattentaten begleiteten arabischen Aufstand gegen die Israelis von 2000 bis 2005 erlebt, haben erlebt, wie israelische Soldaten das Camp umzingelten, beschossen, in Häuser eindrangen und viele Palästinenser festnahmen, weil sie in dem Lager Selbstmordattentäter vermuteten.

Auch das erste Ibdaa Zentrum mit Computern und der Bibliothek wurde niedergebrannt, musste neu aufgebaut werden.

Übernachten in Dheisheh

Touristen, die sich selbst ein Bild von Dheisheh machen und das Zentrum unterstützen wollen, können in dem Flüchtlingslager auch übernachten.

Etwas mehr als zehn Euro kostet die Übernachtung in einem Mehrbettzimmer in dem Kulturzentrum, die Zimmer sind sauber, hier fließt auch das Wasser.

Am Vormittag können die Gäste sich über das Ibdaa Kulturzentrum von Dheisheh Jugendliche vermitteln lassen, die gerne Führungen durch das Gewirr der schmalen Gassen anbieten und aus ihrem Alltag erzählen.

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