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Fernlokal-Reisetipp: Kostenlose Graffiti-Tour durch Bogotá – das geheime Street Art-Mekka

Versteckte Ecken in Bogotá: Zwei Künstler bieten kostenlose Street-Art-Touren an – und promoten kolumbianische Straßenkunst.

Spurensuche auf Fassaden, Mauern, Straßenschildern und in Hinterhöfen: In Bogotá lassen sich Tausende von Kunstwerken entdecken. Kolumbiens Hauptstadt war bisher weltweit eher für Drogen als für Streetart bekannt – zwei Straßenkünstler möchten die versteckte Seite der Stadt nun bekannter machen.

Seit August 2011 bieten der 35-jährige Australier Christian Petersen alias „Crisp“ und der 28-jährige Graffitikünstler „Opek“ aus Kanada Street-Art-Touren durch Bogotá an – sie wollen die vielfältige Szene einem größeren Publikum zugänglich machen.

Versteckte Kunst

„Wir dachten, dass so viele Touristen Bogotá durchqueren, aber diesen besondern kulturellen Teil verpassen – und viele Menschen laufen einfach an Street-Art vorbei, aber wissen nichts darüber“, sagt Christian, der seit zwei Jahren in Bogotá lebt.

Vom historischen Viertel „La Candelaria“ aus streifen die Street-Art-Entdecker durch das Zentrum der Stadt, betten die Straßenkunst in ihren Kontext ein, die sich sonst so unauffällig in den Alltag fügt: „Wir erklären die Geschichte von Street Art in der Welt und Kolumbien, den rechtlichen Rahmen, die Bedeutung des jeweiligen Werks und erzählen viel über die Künstler, die wir meistens persönlich kennen“, sagt Christian.

Offene Szene

Christian, der lange ein klassischer „Papier- und Stiftkünstler“ war, wie er es beschreibt, ist erst seit einem Jahr in der Street-Art-Szene aktiv. Der langjährige Graffitikünstler „Opek“ aus Kanada inspirierte ihn mit Street Art zu experimentieren. Während „Opek“ eher ein traditioneller Graffiti-Sprayer ist, setzt Christian auf Stencils, Schablonen.

Über Internetplattformen wie Facebook und Flickr verabredeten die beiden Ausländer sich mit kolumbianischen Künstlern aus Bogotá – und begannen gemeinsam mit den Kolumbianern die Stadt zu verzieren. „Die Szene hier ist sehr freundlich und unterstützend, es gibt keine Grabenkämpfe wie in anderen Graffiti-Szenen.“

Politischer Protest auf Fassaden

Für Christian spielt die Acht-Millionen-Stadt Bogotá in einer Liga mit Street Art-Mekkas wie New York, London, Paris, Barcelona, São Paulo, Mexiko City. Zumindest was den Output der Künstler betrifft, also die Masse der täglich produzierten Werke.

„Ich finde, Bogotá ist noch dynamischer, da es nicht so strenge Gesetze gibt wie in Europa oder Nordamerika“, sagt Christian. „Bogotá verfügt über eine unglaubliche Vielfalt an Künstlern, Stilen, Inhalten – und Street Art wird hier als Kunstform anerkannt, die meisten mögen es.“

Einige kolumbianische Street Art-Künstler verarbeiten in ihren Werken gesellschaftliche und politische Ereignisse und Aspekte, Street Art wird zur Stellungnahme zu Kolumbiens Vergangenheit oder zu Regierungskritik. Für andere Künstler wird die Kunst zum Fluchthelfer, zur bunten Waffe gegen das Verkehrschaos, Armut, Obdachlosigkeit und graue Hochhäuser in Bogotá.

Noch Geheimtipp

Viele lateinamerikanische Street Art-Künstler besuchen Bogotá um an Festivals und Veranstaltungen teilzunehmen, oder einfach um ihre Kunst in der Stadt zu verbreiten. Der bekannte „PEZ“ aus Barcelona lebe mit seiner kolumbianischen Frau in Bogotá, auch internationale Größen wie „BLU“ oder „M-City“ hätten Bogotá besucht, erzählt Christian.

„Aber Bogotá ist immer noch ein Underground-Spot, den viele nicht kennen“, sagt er. „Künstler aus Bogotá wie „Stinkfish“ oder „Bastardilla“ fangen zwar jetzt an Europa oder Nordamerika zu erobern, aber hier in Bogotá ist die Szene sehr lokal geprägt.“ Wohl auch, weil kolumbianischer Tourismus immer noch nicht so stark sei – obwohl das Land die Sicherheitslage und das schlechte Image verbessert habe.

Die Street Art-Tour von Christian und „Opek“ öffnet Bogotás urbane Galerien für die Welt, der Streifzug zieht ein gemischtes Publikum an. „Von Backpackern, die eine authentische Seite von Bogotá sehen wollen oder Businessmenschen, die eine Pause von Meetings brauchen, bis zu Studenten oder Kolumbianern, die einfach mehr über die Kultur ihrer eigenen Stadt lernen möchten“, sagt Petersen.

Street Art-Tour als Sprungbrett

Die Tour ist fast kostenlos – die Gäste müssen nur für ihr Metroticket bezahlen, auch kleine Spenden nehmen die Macher an, die in Transportkosten, Werbung für die Tour oder Material für Straßenkunst fließen. Christian und „Opek“ wollen Street Art für möglichst viele Menschen verfügbar machen.

„Und wir wollen nicht, dass die lokalen Künstler glauben, dass irgendwelche Gringos ankommen und mit ihrer Arbeit Geld machen wollen.“ Im Gegenteil: Die lokalen Künstler würden auch von den Touren profitieren, meint Christian – durch mehr Bekanntheit und neue Kontakte, die ihnen Ausstellungen oder Auftragsarbeiten einbringen können.

Gerade sind Christian und „Opek“ neben ihren Touren damit beschäftigt, sozial benachteiligten Kindern aus Bogotá in Workshops Street-Art-Techniken beizubringen – auch der Nachwuchs wird sich dann auf Bogotás Straßen verewigen. Und vielleicht ist auch das eine oder andere präsentable Kunstwerk für den Street Art-Streifzug dabei.

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