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Ein zweites Leben

Fadi Saad war als Jugendlicher in einer Gang – heute bewahrt er junge Menschen vor dem Absturz.

Fadi Saad war früher in einer Gang - heute unterstützt er andere Jugendliche.

Foto: Oliver Gaertner

Fadi Saads Gangkarriere endete in der Gefängniszelle – drei Tage lang saß er dort, wie im Käfig, 15 Jahre war er alt. Ein Jahr zuvor hatte er im Jugendclub die „Araber Boys 21“ getroffen – lässige Jungs, denen alle den Weg frei machten. „Die hatten die hübschesten Mädchen, das beste Ansehen, sie hatten etwas zu sagen“, sagt Fadi Saad – auch er wollte dazugehören.

Er ließ sich von Gangmitgliedern verprügeln, bestand die Mutprobe und durfte fortan selbst die Jacke der „Araber Boys 21“ tragen. Fadi schwänzte immer wieder die Schule, hing mit seinen Kumpels herum, sie überfielen andere Jugendliche und beklauten sie, prügelten sich mit rivalisierenden Gangs. „Es ist nicht so, dass man morgens plant, was man anstellt – es ergibt sich einfach so“, sagt Fadi.

Anerkennung und Zusammenhalt

In der Gang fühlte er sich zum ersten Mal anerkannt, zugehörig. „Das fehlte mir“, sagt Fadi. Fadi Saad ist Berliner, doch er wuchs zwischen den Kulturen auf: Er wurde 1979 im Bezirk Moabit geboren, als Sohn einer palästinensischen Familie, die aus dem Libanon nach Deutschland kam.

Was die Jungs aus der Gang einte, war auch das Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu sein. Die Polizei, die die Jugendlichen immer wieder kontrollierte, war der größte Feind. „Wir haben gesagt, guck mal, wie die mit uns umgehen, die mögen uns Ausländer nicht, die Lehrer mögen uns nicht“, sagt Fadi. „Und du steigst in einen Bus ein, der Busfahrer lässt alle durch und dich fragt er nach dem Ausweis. Schon bestätigt es die ganzen Propagandageschichten.“

In der Gang konkurrierten die Jugendlichen darum, der Beste zu sein, so viele Anhänger wie möglich hinter sich zu vereinen. Und sie schlugen auch zu, um ihr Revier zu verteidigen, ihr Image zu verbessern, ihre Macht zu demonstrieren – provoziert fühlten sie sich schnell.

„Es reichen kleine Auslöser, teilweise brauchst du keinen Auslöser, du bist in der Gruppe unterwegs und es ist wie beim Klassenclown in der Klasse, der sich ständig danebenbenimmt“, sagt Fadi Saad. „Du kriegst dein Publikum, du bekommst Applaus von der Gruppe.“

Kultur des Wegschauens

Fadi weiß, wie schnell Jugendliche sich in Gewalt hineinsteigern können, immer wieder zuschlagen, ohne nachzudenken – vor allem, wenn das Opfer sich wehrt. „Du gerätst in einen Rausch, aus dem du nicht mehr herauskommst.“ Allerdings seien die Jugendlichen heute brutaler als er und seine Freunde damals – sobald jemand am Boden lag, hätten sie aufgehört.

Fadis Gang prügelte sich auch nicht auf öffentlichen Plätzen, lieber fernab von Publikum – weil sie fürchteten, dass jemand sie erkennen, eingreifen, die Polizei rufen würde.

Inzwischen prügeln Jugendliche sich überall – weil es keine Konsequenzen gibt. „Heute kannst du dich mitten an den Bahnhof Zoo stellen, auf jemand eintreten, zuschlagen, machen was du willst – und es interessiert keinen“, sagt Fadi. „Das ist eigentlich das Traurigste: diese Kultur des Wegschauens, die sich entwickelt hat.“

Nachdenken beim Arrest

Selbst wenn junge Schläger erwischt werden, haben sie keine Angst vor Strafe – oft kommt es erst Monate später zum Gerichtsurteil, so dass sie gar nicht mehr wissen, wieso verhandelt wird. Sie haben auch genug Zeit, um mögliche Zeugen einzuschüchtern. „Es wird den Jugendlichen zu leicht gemacht“, sagt Fadi. „Sie müssen Konsequenzen spüren.“

Über Strafen wie gemeinnützige Arbeit hat auch er sich als Jugendlicher nur lustig gemacht. Nach sechs oder sieben Verhandlungen schickte ein Richter Fadi Saad in den Arrest – Zeit zum Nachdenken, die eine Wende in sein Leben brachte. „Mir wurde bewusst, dass ich nie kriminell werden wollte und ich möchte, dass meine Eltern stolz auf mich sind“, sagt Fadi.

Er hielt sich von seinen alten Freunden fern, engagierte sich bei den „Guardian Angels“, die durch Stadtviertel patrouillieren, holte den Hauptschulabschluss nach, machte eine Lehre als Bürokaufmann.

Der große Bruder von Neukölln

„Es ist leicht in eine Gang zu geraten, aber man kommt auch wieder heraus“, sagt Fadi. Heute ist er 33 Jahre alt und kümmert sich als Quartiersmanager um den Berliner Bezirk Moabit-Ost, vermittelt zwischen Bürgern und Behörden, organisiert soziale Projekte und Veranstaltungen.

Immer wieder geht Fadi Saad an Schulen, um Jugendlichen von seinen Erfahrungen zu erzählen oder aus einem seiner Bücher vorzulesen – aus seiner Autobiografie „Der große Bruder von Neukölln“ oder „Kampfzone Straße“ über seinen Kampf gegen Jugendgewalt in Neukölln.

Er versucht den Jugendlichen klar zu machen, dass sie sich nicht auf Mutproben einlassen müssen, versucht ihr Selbstbewusstsein zu stärken, lässt sich von ihnen ihre Talente zeigen, um sie zu ermutigen – aber verwöhnen möchte er sie nicht. Fadi Saad glaubt, dass Jugendliche lernen müssen, sich an Regeln zu halten, oft sei der Ton in der Schule zu lasch, findet er.

Für immer Gangster

Wichtig sei auch, dass die Jugendlichen nicht zu Versagern erzogen werden – Fadi Saad kennt etwa Schulen, an denen die Lehrer mit Schülern üben, Hartz IV-Formulare auszufüllen. „Ich habe auch immer wieder gehört, dass aus mir nichts wird“, sagt er.

Junge Araber, Türken, Muslime werden voreilig als Kriminelle abgestempelt. Einige Jugendliche rutschen ab, sind kriminell und gewalttätig – doch unter dem negativen Image leiden auch die Jugendlichen, die ihr Abitur machen, auf Ausbildungssuche sind.

„Es ist traurig, weil viele irgendwann ihre Power verlieren“, sagt Fadi, „und wenn du abschaltest, fängst du an, dich daneben zu benehmen.“

Damit sich jemand integrieren könne, müsse man ihm auch eine Chance geben, findet er. Eine Chance, das bedeutet für ihn: „Eine Stelle nach Kompetenzen zu vergeben, nicht nach Name und Geschlecht. Eine Chance auf Ausbildungsplätze zu geben, ins Gespräch zu kommen.“

Auch er selbst wird von Menschen und Medien oft noch als „der Gangster“, „der Kriminelle“ gesehen – obwohl sein Leben schon lange ganz anders ist. „Was sich vor allem verändern muss, ist das Bild in den Köpfen der Leute“, sagt Saad. Aber es braucht auch mehr Investitionen in Prävention – damit Jugendliche Alternativen haben.

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