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Crowd-Designing: Hartz IV-Möbel

Le van Bo hat Möbel entworfen, die jeder nachbauen kann – die Anleitungen verteilt er in der ganzen Welt.

Mit verletztem Stolz fing es an: Der Architekt Van Bo Le-Mentzel wollte sich beweisen, dass er nicht nur entwerfen, sondern auch handwerklich anpacken kann – an einer Berliner Volkshochschule belegte er einen Wochenendkurs.

Der Crowd-Designer: Van Bo Le-Mentzel auf seinem "24 Euro Sessel" (Foto: Hatje Cantz)

Der Crowd-Designer: Van Bo Le-Mentzel auf seinem „24 Euro Sessel“ (Foto: Hatje Cantz)

Das Ergebnis: der „24 Euro Sessel“, ein Holzmöbel, das sich jeder leisten und in etwa 24 Stunden nachbauen kann – und der Sessel wurde zum ersten Stück einer ganzen Kollektion, die schlicht, praktisch und gleichzeitig elegant wirkt, inspiriert vom Bauhaus-Stil.

„Kreuzberg 36 Chair“ und „Berliner Hocker“

„Hartz IV-Möbel“ taufte Van Bo Le-Mentzel, der selbst einmal arbeitslos war, seine Entwürfe: Mit ihnen will er „vielen Menschen Zugang zu zeitloser und hochwertiger Gestaltung ermöglichen“. Käuflich sind sie aber nicht, das Selbermachen gehört zur Idee.

Van Bo Le-Mentzel verschickt die Bauanleitungen per E-Mail an jeden, der sein Wohnzimmer oder eine soziale Einrichtung mit dem „Kreuzberg 36 Chair“, der „100 Sec Lamp“ oder einem „Berliner Hocker“ verschönern möchte.

„Do it Yourself“ als Trend

Mit seinen „Hartz IV-Möbeln“ ist Van Bo Le-Mentzel ziemlich bekannt geworden, Medien und Blogs berichteten über ihn – wohl auch, weil seine Idee dem „Do it yourself“ (DIY)-Trend entspricht.

Immer mehr Menschen möchten selbst kreativ sein, statt sich Massenware zuzulegen, sie möchten wissen, woher das Material für die Produkte stammt, entdecken in der zunehmenden digitalisierten Welt wieder Tätigkeiten wie Stricken – oder eben Handwerken – für sich.

Van Bo Le-Mentzels Motto „Konstruieren statt konsumieren“ passt zu dieser DIY-Welle. Tausende Bauanleitungen hat er inzwischen verschickt, in die ganze Welt. Junge wie ältere Menschen haben seine Möbel nachgebaut, aber nicht alle strikt nach Plan.

Interaktiver Designprozess

Viele haben die Möbelstücke individualisiert, sind vom ursprünglichen Plan abgewichen. „Es ist ausdrücklich erwünscht, den Bauplan weiter zu entwickeln, zu verändern oder künstlerisch neu zu interpretieren“, so Van Bo Le-Mentzel.

Die Kreativität möchte er dann auch gerne sehen: Im Gegenzug für seine Bauanleitungen fordert der Designer „Offenheit“ – die Nachbauer sollen ihm Fotos und Geschichten von ihren Möbelstücken schicken.

Möbelgeschichten als Buch

Aus dem Möbelprojekt ist so inzwischen auch ein Taschenbuch geworden, mit Möbelanleitungen, Einrichtungstipps, Interviews, Selbermacher-Portraits und Weisheiten zum Wohnen und Leben („Hartz IV-Möbel“ von Van Bo Le-Mentzel, Hatje Cantz Verlag, 12,99 Euro).

Die Inhalte wurden per Facebook nach dem Crowdsourcing-Prinzip von den zukünftigen Lesern mitbestimmt. Auch die Produktion der Bücher hat Van Bo Le-Mentzel über eine Crowdfunding-Plattform gestemmt – gedruckt wurden die Bücher erst, als genug Interessenten sich finanziell beteiligen wollten.

Schuhe mit gutem Gewissen

Jetzt hat Van Bo Le-Mentzel schon wieder ein neues Projekt in Angriff genommen. Er möchte „Karma Chakhs“ produzieren, Turnschuhe, die sich mit gutem Gewissen tragen lassen und fair produziert worden sind. „Ich brauche eigentlich nur ein einziges Paar rote Karma Chakhs“, schreibt er in der Projektbeschreibung. „Die Mindestbestellmenge liegt aber bei 500 Stück, also umgerechnet ca. 20.000 Euro.“

Auf der Crowdfunding-Plattform startnext sucht er gerade nach Menschen, die sich beteiligen möchten – 100 sind es schon, 8000 Euro von den erforderlichen 20.000 Euro hat Van Bo Le-Mentzel bereits eingesammelt.

Falls ein Überschuss erwirtschaftet wird, möchte er es in neue Projekte stecken – zum Beispiel in die Hartz IV Möbel oder ein Buch über „Karma Economy“, kollaborative und nachhaltige Wirtschaftsformen.

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