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Nachhilfe in punkto Nahostkonflikt

Bei „Breaking the Silence“-Touren führen israelische Ex-Soldaten Touristen an die Schauplätze des Nahostkonflikts.

Während der Reisebus von Jerusalem aus durch das Westjordanland fährt, überschüttet Ayal Kantz die Touristen mit Informationen zum Nahostkonflikt, erzählt aber auch von seinen eigenen Erfahrungen als Soldat: Wie seine Truppe nachts in Häuser eindrang, um Palästinenser einzuschüchtern, von der Willkür der Truppenchefs, die entscheiden, wer ein Gebiet betreten oder verlassen darf, von der Machtlosigkeit der Soldaten, wenn jüdische Siedler Steine auf palästinensische Kinder oder Ziegenherden werfen und sie nicht eingreifen dürfen. „Ich wusste, dass nicht alles richtig ist, aber ich habe mir gedacht, das ist eben so“, sagt der 29-jährige Israeli.

ayalkantz

Das Schweigen brechen

In der Hügellandschaft bei Hebron, den „South Hebron Hills“, durch die Kantz den Reisebus lenkt, war er selbst einige Monate als Soldat stationiert. Doch seit zwei Jahren arbeitet er für „Breaking the Silence“ – auf Deutsch: „das Schweigen brechen“. In der gemeinnützigen Organisation haben sich ehemalige israelische Soldaten zusammengeschlossen, die wie Kantz in der Westbank oder im Gazastreifen im Einsatz waren – und darüber aufklären möchten, wie der Alltag in den besetzten Gebieten aussieht.

Seit der Gründung im Jahr 2004 hat „Breaking the Silence“ mehr als 800 Erfahrungsberichte von Soldaten veröffentlicht, die von Menschenrechtsverletzungen erzählen oder wie junge Soldaten mit Bulldozern herumspielen und dabei palästinensische Häuser blockieren, Eigentum zerstören.

„Wir wollen eine öffentliche Diskussion anregen, wir wollen, dass die israelische Gesellschaft weiß, was vorgeht“, sagt Ayal Kantz. „Es ist wichtig, sich zu fragen, wo die moralischen Grenzen sind und was der Preis für die Besatzung ist.“ „Breaking the Silence“ organisiert auch Lesungen und Ausstellungen. In Deutschland stellte die Gruppe etwa 2012 im Willy-Brandt-Haus in Berlin Fotos aus – und bietet regelmäßig Touren durch das Westjordanland an, nach Hebron und in die Gegend der South Hebron Hills.

Wie im Wilden Westen

Ohne Kantz würden die Touristen (unter denen manchmal auch Israelis sind) nur raues, spärlich bewachsenes Land mit Gesteinsbrocken sehen. Stacheldrahtzäune, hier und da eine Siedlung – es sieht friedlich und verlassen aus. „Aber es geht zu wie im Wilden Westen“, sagt Kantz über das vom israelischen Militär kontrollierte Gebiet im Westjordanland.

„Die Soldaten reißen Häuser von Palästinensern ab, die Siedler provozieren die Palästinenser und es gibt Zusammenstöße zwischen Siedlern und linken Menschenrechtsgruppen.“ Er deutet auf Obstplantagen um eine jüdische Siedlung neben der Straße und erklärt, dass die Siedler Bäume pflanzen, die dann vom Militär bewacht werden und das Land so nach ein paar Jahren automatisch in israelischen Besitz übergeht. „Die Siedler schaffen Fakten – und das Militär beschützt sie dabei“, sagt Kantz.

An den Schauplatzen des Konfliktes

Als er als Soldat an einer „Breaking the Silence“-Tour teilnahm, sei das „wie ein Vorhang, der hochging“ gewesen. Jetzt führt er selbst Neugierige an Schauplätze des Nahostkonflikts – weil er anprangern möchte, was schiefläuft: „Die Besatzung ist unmoralisch und muss sich ändern“, sagt der Israeli. „Es geht uns nicht um Ausrutscher, es ist ein Muster, eine Methode.“ Kantz gibt nicht vor, eine Lösung für den Konflikt zu kennen – er möchte die Probleme aber offen legen, verschiedene Perspektiven zeigen.

Mit den Touristen besucht er deshalb das palästinensische Dörfchen Susya, dessen Bewohner heute in Zelten leben, aber auch die jüdische Siedlung Kirjat Arba bei Hebron, in die der Bus nur mit Polizeieskorte einfahren darf. Als dort ein Sicherheitsmann der Siedlung mit Maschinengewehr um die Schulter den Bus anhält, klicken hektisch die Kameras der Touristen, wie bei einer Safari.

Für manche bleibt von der Tour durch das Westjordanland vielleicht nur ein Bild fürs Fotoalbum – die meisten Touristen aber werden nach den Stunden mit Kantz einen anderen Blick auf die Hügellandschaft haben, die auf den ersten Blick so friedlich und verlassen wirkt.

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