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Ein Schritt vor und zwei zurück – FAZ-Herausgeber D´Inka und die Bürgerjournalisten

„Mit Community Medien in die Zukunft. Wie gemeinsamer Journalismus Neues schafft.“ Der Titel der Medienkonferenz von Inwent und FAZ bringt das auf den Punkt, was in der Diskussion fast außer Acht gelassen wurde.

Wenn in der Zentrale der konservativen Qualitätspresse über Community Medien gesprochen wird, ist eine aneinander vorbeigehende Debatte vorhersehbar. FAZ und Citizen Journalism passen einfach nicht zusammen. Hierarchie versus Partizipation oder institutionalisierte Qualität versus Bürgerjournalismus, um den unschönen deutschen Begriff zu verwenden.

Was hat User Generated Content oder Citizen Journalism in der FAZ zu suchen? Nichts, meinte FAZ-Herausgeber Werner D´Inka gleich zu Beginn seiner Panel-Debatte. „Oder würden Sie sich unter einem Glasdach wohlfühlen, das von Bürgerarchitekten gebaut wurde?“, ergänzte er und warf die Augen auf die sich über dem Publikum befindende Glasdecke.

So witzig er damit sein wollte, es führte zu ungläubigem Raunen. Den Vergleich mit einem Bürgerpiloten hatte die Moderatorin schon zu Beginn aufgegriffen und damit auf eben jene Aussage einer vergangenen Veranstaltung verwiesen. Dieser Vergleich war als Aufhänger gedacht und als überholt betrachtet. D´Inka hatte das irgendwie nicht verstanden.

FAZ und Bürgerjournalismus (Foto:flickr)

FAZ und Bürgerjournalismus (Foto:flickr)

Wenn „Mustafa“ gut ausgebildet wäre

Es war der erste Ausrutscher des Herausgebers, blieb aber nicht der letzte. So erwähnte Werner D´Inka später, dass er nicht auf den Zug des Migranten-Integrations-Aktionismus in den Medien aufspringen müsse und damit Migranten nicht nur deshalb einstellen würde, weil sie Migranten seien.

Diese Äußerungen könnten zwei Gründe gehabt haben: 1) Vielleicht hat D´Inka nicht Unrecht, Qualität vor sonstigen persönlichen Eigenschaften zu priorisieren und 2) ist die Zeit in einer Panel-Diskussion einfach zu kurz, um die eher plakativen Aussagen mit fundierten Argumenten zu unterlegen. Schwierig wurde es nur, da D´Inka nicht den Anschein machte, das Gesagte schon vorher oder im Moment der Aussprache auch nur ein wenig zu reflektieren. Dass also nicht die Zeit, sondern sein Gedankengang etwas zu kurz geraten schien.

Die Debatte darüber, dass die Qualität von Journalistenanwärtern immer eine Frage der Sozialisation und damit ebenso in den Fundamenten gesellschaftlicher Bildung zu finden ist, soll jetzt hier nicht weiter ausgeführt werden.

Die Crux mit den Entwicklungsländern

Mit einer weiteren misslungenen Wortmeldung führte D´Inka dann doch zum eigentlichen Punkt: „Vielleicht ist die Situation in unserem Land anders als in Ihrem“, entgegnete er in Richtung der ausländischen Journalisten und Bürgerjournalisten auf dem Podium. Gelächter. Schon wieder. Wieso platzen diese Worte aus einem Mann heraus, der zuvor großen Wert auf die Betonung seiner akademischen Bildung legte? Provozierend gewollt klang das nicht.

Doch recht hat er: Natürlich sind die „Situationen“ in einem Land wie Deutschland mit einem Land wie Bangladesh oder gar Uganda ganz und gar nicht vergleichbar. Deshalb ist die Bedeutung eines Bürgerjournalismus in diesen Ländern eine ganz andere. Wenn BILD in Deutschland die Bürger zum reporterhaften Denunziantentum aufruft, ist das nicht vergleichbar mit einem Bürgerjournalisten, der in Uganda eine Gewalttat meldet, deren Ursache möglicherweise in politischer Repression liegt. Ein solcher Bürgerjournalist kämpft mit seinen Taten gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und für die unabhängige Berichterstattung in seinem Land. Und das auch deshalb, weil nur wenige – und oftmals schlecht bis gar nicht oder wenn, dann im Sinne der staatlichen Propaganda ausgebildete –  Journalisten existieren.

Bürgerjournalisten erfüllen in Entwicklungsländern die Funktionen, die unabhängige professionelle Journalisten in entwickelten Ländern ausführen: Unterschiedliche gesellschaftliche Ereignisse bis hin zu Missständen einer Öffentlichkeit nahe zu bringen. Das, was in Entwicklungsländern durch eine oftmals staatlich gelenkte Presse nicht gegeben ist. Deshalb ist die Bedeutung der Bürgerjournalisten und Community Medien nicht mit einem deutschen Hobbyjournalisten vergleichbar.

Vor dem „neuen Weg“ halt gemacht

In der Diskussion stand sich ein Thema innerhalb zweier unterschiedliche Kontexte gegenüber, die stärker differenziert hätten werden müssen. D´Inkas Aussagen und sein Bekenntnis zum qualitativen Journalismus sind in diesem Sinne nicht verwerflich – sofern er sich auf Deutschland bezieht. Eine solche differenzierte Gegenüberstellung diskutierte der FAZ-Herausgeber jedoch nicht. Sie hätte diese Tagung jedoch zum eigentlich Ziel und schon im Titel erwähnten Grundlage führen können: Die möglichen „Neuen Wege“, die sich aus der Ergänzung von Qualitätsjournalismus und Bürgerjournalismus im internationalen Kontext ergeben könnten, zu hinterfragen.

(jja)

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